"Ich bin cool, und das ist auch gut so", kann unser Kolumnist Steffen heute selbstbewusst behaupten. Doch das war nicht immer so. Seine gesamte Schulzeit war ein einziger Eiertanz zwischen Coolness und Strebertum.
Ich war überrascht, ja sogar geschockt, und auch ein bisschen stolz. Ich hätte nie damit gerechnet, so etwas einmal zu hören. Als ich neulich mit einigen Freunden in unserem Wohnzimmer saß, kam das Gespräch auf die Schulzeit. Wie gemein Kinder und Jugendliche doch zueinander sein können, wie sie sich gegenseitig mobben und anfeinden, sich das Leben zur Hölle machen. "Ich habe da Erfahrung drin", sagte ich. Darauf platzte es aus einem heraus: "Sicher Steffen, du warst doch bestimmt einer, der seine Klassenkameraden rumgeschubst hat." Zustimmendes Nicken der restlichen Anwesenden. Darauf konnte ich nur erwidern: "Ich?"
Ich gehörte eigentlich nie zu den Rowdys, den Aufwieglern, Mobbern oder schlicht: den "Coolen". Ich war lange Zeit einer derjenigen, der das Opfer verbaler und teils auch physischer Attacken war. Ich tat mich schwer, Freunde in der Klasse zu finden: Die sogenannten "Streber" – zu denen ich auch gezählt wurde – waren mir zu langweilig, und die sogenannten "Coolen" waren mir zu blöd. Ich hing zwischen diesen beiden Fraktionen und musste mich entscheiden: abspalten oder anpassen? Ich entschied mich für den Weg des Mitläufers. Ich wurde für einige Zeit zum Klassenclown, machte meine Hausaufgaben nicht mehr und versuchte, irgendwie dazu zu gehören. Es waren harte Jahre, deren Inhalt ich hier bei aller sonst gegebenen Offenheit nicht widergeben möchte.
Eigentlich geht es mir heute auch nur darum: Warum glauben meine Studienkollegen und Mitbewohner, ich sei einer der "Coolen" gewesen? Und was bedeutet das überhaupt: "Cool sein"? Wie beim
Erwachsen werden legen die Menschen auch bei "Cool sein" die Bedeutung unterschiedlich aus. In bestimmten Phasen der Schulzeit galt es als cool, zu rauchen, zu saufen und zu kiffen. Die Leute in der ersten Reihe, deren Finger andauernd in die Höhe schossen, waren uncool. Die Leute, die in der letzten Reihe saßen, den Unterricht störten und nur mit Müh und Not die Klasse absolvierten, waren cool. So kann man es ganz grob aufteilen. Doch wer hat das festgelegt? Ist "cool" nicht eine Geschmacksfrage und so von Mensch zu Mensch unterschiedlich? Finden die "Streber" die "Coolen" nicht eher uncool, gerade weil sie andauernd den Unterricht stören, stets die Hausaufgaben abschreiben und eine Klausur nach der nächsten in den Sand setzen?
Ich habe meine Studienkollegen und Mitbewohner gefragt, warum sie glauben, ich sei einer der Tonangeber gewesen. Die Antwort: "Naja, du hältst mit deiner Meinung ja nie zurück und so…" Das ist es? Das ist alles? Seine Meinung vertreten? Das bedeutet "cool sein"? Ganz einfach: Ja. Viele Gemobbte sind den Spruch wohl leid, den Eltern und Lehrer ihnen immer wieder versucht haben, einzutrichtern – doch er stimmt: "Bleib einfach du selbst, es ist egal, was die anderen denken." Es geht nicht darum, was man tut, es geht darum, wie sehr man dahinter steht. Doch selbst an der Uni gibt es noch Leute, die das noch nicht verstanden haben: Sie verachten die Studenten, die extrem viel lernen und fast jede Klausur mit einer Eins vor dem Komma bestehen, bezeichnen sie teilweise sogar als "uncool". Menschen mit dieser Einstellung sind irgendwann in der siebten Schulklasse hängen geblieben und denken wirklich, es sei witzig, andauernd blöde Sprüche in die Vorlesung zu pfeffern. Aber vielleicht kommen auch die irgendwann zur Einsicht, dass es nur wenige "uncoole" Menschen gibt; einer von ihnen war auch ich: ein Mitläufer. Denn Mitläufer opfern ihre eigene Meinung, ihr eigenes Selbstvertrauen, für eine scheinheilige Akzeptanz. Wäre ich damals meinen eigenen Weg gegangen, wäre ich viel früher "cool" geworden. Doch wenn das mal jemanden einem Zwölfjährigen klar macht, müsste man den Nobelpreis für Therapeutik erfinden.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Steffen