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13. Oktober 2009

Kolumne vom 13. Oktober 2009

Drittes Semester


Das Wintersemester fängt an, und so steigt auch unser Kolumnist Steffen in der Semesterliga eine weitere Stufe hinauf. Zeit also, um sich mal Gedanken darüber zu machen, was es eigentlich heißt, an Erfahrung zu gewinnen und "erwachsen" zu werden.

 

Ich gehöre zu den Erfahrenen, zu den Großen, zum alten Eisen: Ich bin im dritten Semester! Ich gehöre nicht mehr zu den "Neuen" oder den "Kleinen". Eigentlich hört sich das ziemlich bescheuert an. Denn mit meinen 23 Jahren und meinen 1,90 Meter hätte ich mich eigentlich nie diesen Kategorien zuordnen müssen. Und trotzdem habe ich es getan – wie auch viele meiner Mitstudenten. Damals, im ersten Semester, hab ich die höheren Semester angesehen; und auch wenn sie schon direkt nach dem Abi an die Uni gegangen sind, nur ein Jahr studiert und immer noch jünger als man selbst waren, dachte ich: "Boah, sind die erwachsen!"

 

Doch das hat sich recht schnell gelegt. Innerhalb weniger Tage erkannte ich, dass dem überhaupt nicht so ist. Viele von ihnen wären ohne die gemütliche Universität und der Waschmaschine von Mutti hoffnungslos verloren, und andere haben zwar schon lange studiert, scheinen aber nicht wirklich viel davon verstanden zu haben. Und trotzdem fühlen sich einige wie die Könige der Welt. Das Schöne ist: Das darf ich jetzt auch. Schon wieder.

 

Jeder Aufstieg in unserem Bildungssystem pusht das Ego. Als ich in der zweiten Klasse war, waren die Viertklässler die Großen, die, die einfach alles wussten und verstanden haben. Kaum war ich auf der Grundschule raus, wurde sie für mich eine Art Kindergarten. Und schließlich kam das Abitur, die Krönung zur Bildungselite Deutschlands: Ich pappte mir einen peinlichen "Abi 2005"-Aufkleber auf mein Auto, warf mich in Schale für den Ball und dachte: Jetzt bin ich erwachsen und weiß alles von der Welt.

 

Danach folgten zwei Jahre Ausbildung, ein Jahr Auslandsaufenthalt und nun schließlich ein Jahr Studium. Das alles hat mir bewusst gemacht: Ich wusste gar nichts und weiß immer noch nicht viel mehr. Jedes Mal, wenn man etwas Neues lernt, tiefer in egal welche Materie eintaucht, werden wieder und wieder neue Fragen aufgeworfen. Und dann sehe ich einige der frischgebackenen Erstsemester – sogenannte Erstis –, die sich für so erwachsen halten und sich wundern, warum der Chefredakteur des Spiegel noch nicht angerufen hat und sagt: "Meine Zeit ist abgelaufen. Ersti, übernehmen Sie!"

 

Bei diesem Anblick würde ich am liebsten dem hohen Ross, auf dem sie sitzen, alle Beine brechen, ihnen die Rosa-Brille mit innengerichteten Spiegeln vom Kopf reißen und ihnen mit dem harten Realitäts-Vorschlaghammer eins über die Rübe ziehen. Doch wozu? Sie würden sich nur ein neues Pferd holen, kurz zu Fielmann gehen und die Beule am Hinterkopf mit ein bisschen Ignoranz versorgen. Aber das ist in Ordnung: Früher oder später kommt hoffentlich jeder zu der Einsicht, dass man nichts weiß – und das wussten schon Sokrates und Goethes Faust.

 

Es ist egal, ob man sich im ersten oder 20. Semester, in der 13. oder vierten Klasse, in der Ausbildung oder schon im Beruf befindet: Wenn man ehrlich zu sich selbst ist, sieht man, dass es immer noch eine höhere Stufe gibt, die Erfahrenen, die Großen, die vom alten Eisen – die "Erwachsenen". Und viele möchten das werden – "erwachsen". Doch was soll dieses "erwachsen" überhaupt bedeuten? Wenn es heißt, dass man denkt, man habe schon so viel in seinem Leben erreicht und gesehen, wenn es heißt, dass man nun zu den Großen gehört und denkt, dass es keine Größeren mehr gibt, man nichts mehr erreichen muss, man nicht mehr versucht, mehr von der Welt zu wissen und sie zu verstehen; kurz: wenn "erwachsen werden" heißt, dass die eigene Wissbegierde zum Erliegen kommt, dann möchte ich immer ein Kind bleiben.

 

Bis zum nächsten Mal,

 

Euer Steffen

 

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