Zwei gute Freunde haben unseren Kolumnisten Steffen mal als "Motzbatterie" bezeichnet. Wie kommen die nur darauf?
Ich liebe Kritik. Was wäre nur das Leben ohne Kommentare und Gemecker? Es wäre langweilig, ermüdend, monoton und vor allem eines: unehrlich.
Und trotzdem halten viele Studenten ihre Meinungen gerne zurück – aus verschiedenen Gründen: meist, um nicht aufzu-, und damit aus der Masse rauszu-, und schließlich nicht mehr den Mitstudenten zu ge-fallen. Sie wollen einfach niemanden kritisieren, damit die scheinbare Harmonie gewahrt bleibt. Mit dieser Einstellung ist man meiner Meinung nach aber nur eines: reingefallen.
Es ist nie falsch, freundlich zu sein. Doch ein Übermaß an oberflächlicher Nettigkeit bewirkt auf lange Sicht nur das Gegenteil – vor allem, wenn man zusammen studiert oder arbeitet. Natürlich gefällt es auch mir, gelobt zu werden. Aber nach nun fast drei Semestern schätze ich nur von einigen wenigen Leuten wirklich, was sie zu sagen haben. Andere hingegen bewerten schon ein "Das war fast supergenial-perfekt" als kritische Aussage und hoffen, niemanden damit angefeindet zu haben.
Natürlich muss man bei freundlichen Menschen unterscheiden: Es gibt jene, die wirklich total viele Dinge total toll finden und sich selbst bei Hunger und Durst in der Wüste darüber freuen, dass sie das Geld für die Sauna gespart haben. Dann gibt es aber auch Leute, die jeden Menschen freundlich begrüßen, ein "Wie geht’s Dir?" herausdrücken, über 1000 Freunde bei StudiVZ haben und jedem einzelnen per Pinnwand-Eintrag zum Geburtstag gratulieren – nur, um später hinter deren Rücken abzulästern. Die einen sind eben optimistisch-naiv, die anderen einfach nur verlogen – da besteht ein gewaltiger Unterschied.
Denn kritisch oder nicht kritisch zu sein, hat nichts damit zu tun, ob man sympathisch, freundlich oder nett ist. Es kommt nicht darauf an, ob, sondern wie man seine Meinung anderen mitteilt. Es gibt Leute, denen kann man ein "Dein Referat war jetzt nicht so spannend" einfach an den Kopf werfen und man weiß, dass sie es nicht persönlich nehmen werden. Bei anderen hingegen sollte man es vorsichtiger angehen lassen: etwa mit "Also, man merkt, dass Ihr Euch wirklich in das Thema eingearbeitet habt und viel davon versteht. Doch die Präsentation hätte noch ein bisschen griffiger sein können." Bei beiden Fällen ist es jedoch wichtig, es nicht einfach bei diesem einen Satz zu belassen. Man sollte seine Beanstandungen mit festen Begründungen untermauern und das Wort "irgendwie" am besten ganz aus seinem Wortschatz streichen – das Ganze nennt sich dann konstruktive Kritik.
Fast alle kennen diesen Ausdruck, doch wenige beherzigen ihn. Das finde ich schade. Denn gerade durch offen-ehrliche Kritik kann sich ein Mensch weiterentwickeln und wird nicht in arroganter Selbstverliebtheit verharren. Ich selbst bin ein sehr kritischer Mensch, einige sagen: zu kritisch. In meiner Abizeitung bezeichneten zwei gute Freunde mich als "Motzbatterie", und nach einem Kinobesuch bin ich meist der erste, der den Film auseinandernimmt. Es stimmt, es braucht schon etwas wirklich bedeutend Faszinierendes, um aus mir ein "Einfach total geil!" herauszulocken – doch wenn es denn mal kommt, weiß jeder, dass es verdammt noch mal ehrlich gemeint war.
Ich werde lieber als direkt und hypokritisch bezeichnet als mit einer rosa-roten Brille durch die Gegend zu laufen oder meine Abneigung hinter oberflächlicher Freundlichkeit zu verstecken. Dass mir das nicht immer gelingt, weiß ich selbst: Auch ich sage nicht immer das, was ich denke, und manchmal rede ich mir einige Angelegenheiten einfach schön. Doch das einzusehen ist wichtig, wichtiger als konstruktive Kritik. Denn eines ist viel bedeutsamer als der offene und ehrliche Umgang mit anderen Menschen: Es ist der offene und ehrliche Umgang mit sich selbst, das Reflektieren darüber, wie man handelt und was man denkt und das Eingeständnis, dass man Fehler hat und macht. Es ist die unvollständigste und gleichzeitig wichtigste Kritik des gesamten Lebens: Es ist die Selbstkritik.
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Hm. Manchmal kann ich wirklich überzogen belehrend sein.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Steffen