Unser Kolumnist Steffen studiert Journalistik und hat vor lauter Studienstress keine Zeit, um Zeitungen zu lesen. Von diesem Paradoc profitiert – ALDi.
"Studenten müssen um sechs Uhr aufstehen. Denn um halb sieben macht Aldi zu." Als mein älterer Bruder mir diesen Spruch am Telefon erzählte, habe ich ihn erst gar nicht verstanden. Genau an jenem Tag bin ich nämlich wirklich um sechs Uhr morgens aufgestanden, damit ich rechtzeitig zur Vorlesung komme. Der Spruch – man sieht es an der Aldi-Öffnungszeit – ist dabei mindestens so alt wie die Mär vom Bummel-Studenten. Zwar hat sich die extreme Lustlosigkeit
von vor zwei Wochen gelegt, dafür ist akuter Zeitmangel an ihre Stelle getreten.
Vergangene Woche war ich mit einem Seminar zwei Tage in Brüssel, um die verschiedenen EU-Institutionen sowie das Belgische Kneipenleben kennenzulernen. Nach diesem doch recht anstrengenden Kurztrip ging es gleich weiter mit dem Studium: Das Wochenende verbrachte ich hauptsächlich an der Uni, am Sonntag sogar von 8 Uhr morgens bis 23 Uhr abends. Und der Anfang dieser Woche sieht auch nicht viel besser aus. Und das Faszinierendste ist: Der Zeitmangel materialisiert sich in meinem Zimmer in drei Stufen.
In der ersten – der niedrigsten – Stufe stehen auf meinem Schreibtisch benutzte Kaffebecher, diverse Unterlagen, Zettel und leere Saftflaschen. Diese Stufe herrscht seit den letzten paar Wochen eigentlich permanent vor und hat sich fast zur Normalität entwickelt. Auf der zweiten Stufe sammeln sich allerhand Kleidungsstücke auf dem Sessel, dem Bett und dem Boden meines Zimmers. In der Anfangsphase dieser Stufe sind es vielleicht ein paar Socken sowie T-Shirts und Pullover, in der Endphase jedoch häuft sich die Masse an verschiedenen Kleidungsstücken so dermaßen an, dass niemand mehr auf dem Sessel sitzen noch meinen Teppich sehen kann.
Das Schlimmste jedoch ist die dritte Stufe: Dann wird mir nämlich bewusst, wie viel Zeit man aufbringen muss, um eine Tageszeitung und eine Wochenzeitung regelmäßig zu lesen. Auf dieser Stufe mischen sich meine abonnierten Presseprodukte ungelesen und kaum beachtet zu den Kleidungsstücken. Der Haufen aus Stoff und Papier bedeckt den Fußboden und setzt sich auch unter meinem Bett fort. In der Endphase dieser Stufe stapeln sich zudem leere Pfandflaschen in der Ecke meines Zimmers. Wer hier ein Streichholz fallen lässt, fackelt in wenigen Sekunden meine ganze Bude ab.
Die Ursache für diese Stufen ist einfach: Ich räume immer dann richtig auf, wenn ich Besuch bekomme. Und wenn ich keine Zeit habe, dann lade ich auch niemanden ein. Das Gute (oder auch Schlechte, je nach Standpunkt) ist, dass in den letzten und in den kommenden Wochen die Partys und Treffen immer woanders stattfanden und stattfinden werden. Mein Zimmer kann also in meiner Zeitplanung noch ein wenig hinten anstehen. Was ich aber auf keinen Fall aufschieben kann, ist das Essen. Und davon habe ich gerade recht wenig in meinem Zimmer. Deswegen muss ich auch los. Aldi macht gleich zu.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Steffen