Sie hockt da, zusammengekauert und zitternd, der Blick voller Angst. Spärliches Mondlicht dringt durch die Löcher in den Holzwänden. Langsam öffnet sich die Tür. Hindurch tritt ihr Albtraum, so grausig und unansehnlich, so abstoßend und Ekel erregend. Es ist die Funktion 'f(x)=2x+5x²', und aus ihrer Definitionslücke schallt es drohend: "LEITE MICH AB!"
Das Mädchen zuckt zusammen, kreischt, schreit "Nein! Nein!", drückt ihren Rücken stärker gegen die Wand, hält die Hände schützend vors Gesicht – doch die Funktion kommt näher. "BESTIMME MEINE EXTREMPUNKTE!", schallt es durch den Raum. Das Mädchen senkt den Kopf zwischen ihre Beine, hält die Arme darüber und wimmert. Aus dem Augenwinkel sieht sie noch, wie sich die Funktion anfängt zu drehen – und zum Rotationskörper wird. "NEEEEEEEEINNN!", schreit das Mädchen und wacht auf.
Ich gebe ja zu: Vielleicht ist dieser Texteinstieg ein wenig übertrieben (abgesehen davon, dass die Ableitung der Funktion nun wirklich einfach zu bestimmen ist). Doch wenn ich mit manchen Leuten über Mathematik spreche, denke ich, dass sie sich den dritten Weltkrieg herbeiwünschen würden, damit die nächste Geometrie-Klausur wegen atomaren Bombenalarms abgeblasen wird.
Wie schon mal erwähnt, stehen demnächst Klausuren an, und alle Studenten befinden sich in einer konzentrierten und stressigen Lernphase – die einen mehr, die anderen weniger. Mein Studiengang schreibt die erste Klausur über Datenanalyse und Statistik. Das hat eine so große Massenpanik unter meinen Kommilitonen ausgelöst, da wäre der Bösewicht aus "Batman Begins" mit seinem Furcht-Blütenstaub vor Neid erblasst.
Viele haben Angst vor den Korrelationseffizienten und den Wahrscheinlichkeitsberechnungen. Woher kommt das? Wenn es die Zahlen an sich sind, dann leidet wohl jeder zweite Student oder Schüler unter Arithmophobie. Das ist die krankhafte Angst vor Zahlen. Schön, dass es Wikipedia gibt.
Oder sind es einfach nur schlechte Kindheitserinnerungen? Das ist eine ganz ernst gemeinte Frage! Schauen wir uns mal die Sesamstraße an: Dort laufen so viele knuffige Puppen herum – nur der Zahlenliebhaber ist ein Vampir, der in einem dunklen Schloss voller Spinnenweben wohnt, das immer von einem scheußlichen Dreckswetter heimgesucht wird. Ganz ehrlich: Ich hatte früher immer Angst vor Graf Zahl. Lieber wäre ich zu Oscar in die Mülltonne gezogen, als mit diesem unsympathischen, spitznasigen Untoten zu leben.
Allerdings hat die zählsüchtige Handpuppe mich nicht davon abgehalten, später Mathe als Leistungskurs zu nehmen (noch ein Grund mehr, den Freak zu hassen). Von einem Kindheitstrauma kann die Furcht also auch nicht herrühren. Ich denke, die Abneigung gegen Mathe hat etwas damit zu tun, dass das Fach extrem pragmatisch und nüchtern ist. Es gibt kein "Das kann man so oder so interpretieren", wie etwa in Deutsch, keine Diskussionsrunden wie in Politik. Bei Mathe geht es um die Frage: richtig oder falsch? Mehr nicht.
Und um das zu beantworten, muss man auf Formeln zurückgreifen. Doch diese Formeln nutzen hunderte scharfkantige Symbole und felsenharte Variablen als Wurfgeschosse, um Mathe-Neulinge auf Distanz zu halten. Und dank der Führungsschwäche einiger Lehrer rennt die Hälfte der Truppe auch noch voll in den Feuerhagel hinein und wird gnadenlos niedergemacht.
Wenige der Verletzten können sich danach wieder aufraffen, sich erneut mit Logarithmus-Speerspitzen ausrüsten und in die binomischen Rüstungen (erhältlich in drei Ausführungen) steigen. Und selbst wenn sie es tun, bleibt Mathe ein ungeliebtes, wenn nicht gar verhasstes Fach. Im Gegensatz zu fast 80.000 StudiVZ-Nutzern finde ich jedoch nicht, dass Mathe ein Arschloch ist. Ich mag den Außenseiter sogar ganz gerne und habe Mitleid mit ihm. Obwohl wir ihm soviel verdanken (zum Beispiel, dass man diese Kolumne im Internet lesen kann), wird er gemobbt, geschlagen und getreten.
Deswegen appelliere ich an alle Mathematik-Hasser: Seid nicht zu gemein zu Stochastik und Algebra, zeigt ein wenig Toleranz und Verständnis, lasst die Vektoren in allen Dimensionen glücklich sein, gebt der Wahrscheinlichkeit eine signifikante Überlebens-Chance, macht die Welt zu einem harmonischen Ort – und schlagt Graf Zahl eins in die Fresse.
Bis nächste Woche,
Euer Steffen