Dass Steffen, unser Kolumnist, ein Intellektueller ist, merkt man an Details. Zum Beispiel bei der Auswahl seiner Lieblings-Hörspiele. So kann er mit TKKG nichts anfangen: zu konservative Rollenbilder, zu oberflächliche Charaktere. Die drei Fragezeichen findet er da viel subtiler. Hex, hex!
Ich war auf einer Lesung. Aber um gleich jegliche Hoffnungen (oder Befürchtungen) zu zerstreuen: Es war keine große Weltliteratur. Ich habe Die Drei Fragezeichen live gesehen. Für die, die sie nicht kennen, lese ich mal die Visitenkarte laut vor: "Die drei Fragezeichen. Wir übernehmen jeden Fall. Erster Detektiv: Justus Jonas. Zweiter Detektiv: Peter Shaw. Recherchen und Archiv: Bob Andrews."
Die drei Detektive sind die Hauptpersonen einer der erfolgreichsten deutschen Hörspielreihen. Seit sie 1979 das Rätsel um den "Super-Papagei" gelöst haben, sind mittlerweile 134 Folgen auf Schallplatte, Kassette, CD oder MP3 erschienen – mit immer denselben Sprechern. Viele werden die Abenteuer der drei Jugendlichen aus Rocky Beach vermutlich schon seit ihrer Kindheit kennen – ich hingegen nicht.
Meine Kassettensammlung beherbergte nur die ???-Folge "… und das Gespensterschloss". Denn ich hatte die gesamte Hörspielsammlung meines sieben Jahre älteren Bruders geerbt – und die Serien trugen hauptsächlich die Titel "TKKG", "Die Fünf Freunde" und "Benjamin Blümchen". Ich mochte und mag diese bunte Hörspielwelt. Denn wenn man es mal realistisch betrachtet: Gäbe es einen sprechenden Elefanten, wäre der wohl längst in einem US-amerikanischen Forschungslabor untergebracht und müsste sich durch Tests von Verhaltens- und Hirnforscher quälen. Nebenan läge Bibi Blocksberg und müsste Laserkanonen herbeizaubern und feindliche Armeen von ihrem Besen aus in Frösche verwandeln. Doch Folgen wie "Benjamin Blümchen und die Erforschung der zerebralen Funktionen bei wiederkehrenden Stromstößen" oder "Bibi Blocksberg und Operation Desert Storm" kämen wohl nicht so gut bei Kindern und Eltern an.
Etwas näher an der Realität – und doch so weit entfernt – war die mit allerlei polizeilichen Sonderrechten ausgestatte TKKG-Bande mit Tarzan, Karl, Klößchen und Gaby. Von diesen "tollen Vier" (Zitat aus dem Anfangslied) wünschte ich mir zu Geburtstag und Weihnachten die meisten Kassetten. Nicht, weil ich die US-amerikanischen Detektive Justus, Peter und Bob unsympathisch fand. Ich war einfach so an die deutschen Kinder gewöhnt. Und jetzt muss ich ehrlich gestehen: So ein Mist.
Die wohl so gemeinte Idee der TKKG-Bande ist eigentlich ganz in Ordnung: Verschiedene Personen mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen agieren gemeinsam und lösen so jeden Fall. Tarzan ist der Starke, der notfalls die Bösen vermöbeln kann, Karl ist intelligent und für grandiose Pläne und Einfälle zuständig, Klößchen ist dick aber ein netter und witziger Typ, und Gaby ist die tierliebe und attraktive Zwölfjährige mit dem Polizei-Papa. Zwar strotzt diese Aufteilung immer noch vor sehr schlimmen Klischees, ist aber weitaus angenehmer als die Hörspielwirklichkeit: Denn Karl ist im Grunde nur ein richtig übler Streber, der zwar ein unheimliches Faktenwissen besitzt, aber sonst überhaupt nichts auf die Reihe bekommt, Klößchen ist nur ein dickes, kleines Kind, das von seinen Eltern verwöhnt und von seinen Freunden verarscht wird, und Gaby ist die wehrlose Quotenfrau, die ohne ihren Hund Oskar eigentlich nur dazu da ist, um in jeder zweiten Folge entführt zu werden. Doch zum Glück gibt es einen, der diesen ganzen Haufen menschlicher Wrackteile anleiten kann: Tarzan!
Tarzan ist nicht nur sportlich, braun gebrannt, groß und vermöbelt präventiv erst einmal alle, die Narben oder Sommersprossen haben, nein: Er schreibt Einsen, entwickelt sämtliche Pläne, zieht alle Schlussfolgerungen, reißt die Witze – meist auf Kosten von Klößchen – und ist über die Gaby-Verbindung eigentlich schon Stiefsohn von Kommissar Glockner. Ehrlicherweise müsste man die Hörspielreihe in "Tarzan und die Trümmertruppe" umbenennen. Um den Markennamen TKKG zu erhalten, könnte man sonst auch einfach die Abkürzung anders verwenden. Zum Beispiel "Tarzan: Klug. Kräftig. Geil!" Nein, mit TKKG kann ich heutzutage wirklich nichts mehr anfangen. Da werden zu viele Klischees bedient und eine völlig einseitige Gutmenschen-Weltsicht vermittelt. Deswegen lege ich jedem die drei Fragezeichen ans Herz. Da kommen zwar auch ab und zu Klischees vor, aber das ist in Ordnung: Die Drei sind schließlich US-Amerikaner – und die sind eh alle oberflächlich, konservativ und weltfremd.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Steffen