Die Uni geht wieder los, und der Studiengang unseres Kolumnisten Steffen ist um 65 Erstsemester reicher. Grund genug für Steffen, sich an seine eigenen ersten Tage an der Uni zu erinnern.
Ist der bescheuert. Und die auch. Der ist ganz okay. Und die sowieso. Erste Eindrücke. Sie halten lange – und müssen oft widerrufen werden. Trotzdem hat man sie immer wieder, man denkt, man könne Menschen innerhalb von wenigen Minuten einschätzen. Auch wenn es Leute gibt, die etwas anderes von sich behaupten: Jeder macht sich seine Gedanken über die erste Begegnung, den ersten Satz, den ersten Blick. Die Frage ist dann nur, ob man sich eingestehen kann, sich geirrt zu haben.
Wie ich darauf komme? Gestern, am Montag, besuchten die 65 neuen Journalistik-Studentinnen und -Studenten zum ersten Mal offiziell die Universität. Sie haben momentan ihre Orientierungswoche, in der sie ins Studium eingeführt werden und sich untereinander kennen lernen. Und natürlich guckt man sich die Neuen schon genau an, versucht sie irgendwie einzuordnen: Wer ist die Oberzicke, wer der Sprücheklopfer, wer die Laberbacke? Und wer wird in jeder Vorlesung sich geschätzte 20.000 Mal melden und den ganzen anderen Studenten damit gehörig auf den Sack gehen?
Vor einem Jahr (verdammt, ist das schon lange her!) hatte ich meine eigene Orientierungswoche. Und es ist wirklich erstaunlich, wie sich über diese Zeit hinweg meine Ansicht über verschiedene Leute verschoben hat. Zu meinen Freunden zähle ich nun einen, den ich am ersten Semestertag für einen langweiligen Super-Nerd gehalten habe (was sich als vollkommen falsch herausgestellt hat) und eine, bei der ich gehofft hatte, nie ein Wort mit ihr zu wechseln. Dasselbe hat sie damals übrigens auch über mich gedacht.
Ich habe mich gefragt, wie mein erster Eindruck wohl war; damals noch mit langen Haaren und Bart. Von einigen weiß ich die Antworten bereits – sie fielen recht positiv aus. Komisch eigentlich: Wenn ich so zurück denke, würde ich mein damaliges Ich wohl für ein ziemlich arrogantes Arschloch halten, das einfach mal jedem Mitstudenten nach 20 Sekunden Unterhaltung einen Stempel mit Aufschriften wie "Geht klar" oder "Trottel" aufgedrückt hat. Naja, vielleicht wollten mir das einige auch einfach nicht so ins Gesicht sagen. Verlogene Penner.
Aber nach einem Jahr glaube ich, dass ich die meisten Leute gut einschätzen kann. Es gibt immer mal wieder die eine oder andere Überraschung, aber im Großen und Ganzen habe ich die Menschen gefunden, mit denen ich gerne etwas zusammen unternehme. Das alles haben die Erstsemester jetzt vor sich: Menschen werden sich als etwas ganz anderes entpuppen als man zuerst geglaubt hat – im Guten wie im Schlechten. Freundschaften, von denen man in den ersten Tagen dachte, dass man sie über das ganze Studium behalten wird, verflüchtigen sich nach den ersten drei Wochen, Feindschaften stellen sich als vollkommen unbegründet heraus. Es gibt da eine These: Diejenigen, mit denen man in der Orientierungswoche am meisten zu tun hat, geht man für den Rest des Studiums aus dem Weg. An alle (angehenden) Soziologie-Studenten: Das wäre doch echt mal eine interessante Langzeitstudie.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Steffen