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26. Januar 2010

Steffens UNIversum vom 26. Januar 2010

Perfektionismus


 

Vom Kolumnisten bei EINSTIEG Online bis zum Chefredakteur der ZEIT ist es ein kurzer Weg – nur ist ihn noch niemand gegangen. Steffen tut alles dafür, der Erste zu sein.

  Kolumne  Steffen 

Es muss nicht immer alles perfekt sein – nur fast alles. Wer mit dieser Einstellung durch das Leben geht, versucht immer, das Unmögliche zu schaffen, ist auf der Suche nach etwas Unerreichbarem und gibt sich fast nie mit einem "Gut" zufrieden. Es ist ein Leben, das Stress provoziert, das sich unter einem selbst verursachten Erwartungsdruck dahinzieht und das wahrscheinlich mehr zu Enttäuschungen als zu Höhepunkten führt. Das ist mein Leben – und doch gefällt es mir. Irgendwie.

 

Ich bin Perfektionist, und da bin ich definitiv nicht alleine auf dieser Welt – und auch gewiss nicht in meinem Journalistik-Studiengang. Deutlich mehr als zwei Drittel meiner Kommilitonen haben einen Abi-Schnitt von mindestens 1,3, grob geschätzt die Hälfte war Schulbester oder Schulbeste, hat den einen oder anderen Englisch-, Französisch- oder Mathepreis erhalten und wird durch ein Stipendium unterstützt. Ich muss zugeben: In der Schule war ich eher faul; es gab nur wenige Fächer – oder besser: Lehrer –, die mich wirklich begeistert haben. Dass ich mit meinem Abi-Schnitt von 2,4 überhaupt in diesen Studiengang gekommen bin, verdanke ich lediglich meiner vorigen Ausbildung.

 

Doch jetzt fühle ich mich richtig wohl an der Uni: Das Studium hat mir den Spaß am Lernen wieder gegeben – und unter all den Ex-Elite-Schülern und -Schülerinnen laufe ich zur Höchstform auf. In der Zeit davor war mein Hang zum Perfektionismus gebremst worden – während der Schulzeit durch wenig motivierende Unterrichtstunden, in der Ausbildung durch eingerostete Firmenstrukturen.

 

An der Uni kann ich endlich das machen, was ich möchte: Und das will ich nicht nur gut, sondern perfekt machen. Das äußert sich dann auch in überschwänglicher  Kritik und permanenten  Zeitmangel. Doch ich brauche das, diesen Druck, das ständige Streben, besser zu werden – auch wenn ich manchmal zu viel davon bekomme. Wenn Freunde zu mir sagen "Du wirst doch eh Chefredakteur der ZEIT" oder "Das Studium packst du doch locker" ist das natürlich schön zu hören, doch erhöht es den Druck noch ein wenig mehr – in solchen Momenten beneide ich diejenigen, die ihr Studium so nebenher schleifen und sich einen Dreck um Noten oder den Besuch von Vorlesungen scheren. Dann merke ich aber meistens, dass das kein Leben für mich wäre, so ganz ohne Ziel, ganz ohne unermüdliches Erstreben des Unerreichbaren. Ein Freund würde sagen: Da bin ich einfach zu deutsch.

 

Eine Kommilitonin, mit der ich ein Projekt für unseren Campus-Fernsehsender leitete, meinte neulich zu mir, ich solle doch mal ein bisschen mehr Arbeit abgeben und nicht immer so "übertrieben" sein. Dabei ist sie selbst nicht viel besser, vergräbt sich in Arbeit, setzt sich selbst unter Druck und hört von ihren Freunden nur "Ach, du schaffst das schon".

 

Es gibt kein einfaches Heilmittel gegen Perfektionismus – und im Grunde ist es auch keine Krankheit, sondern es ist ein Zeichen von besonderem Ehrgeiz. Doch manchmal sollte dieser Ehrgeiz gebremst werden. Und wenn man es selbst nicht kann, braucht man jemanden, der nicht sagt "Das schaffst du schon", sondern "Lass uns ein Bier trinken gehen".

 

Ich habe in einigen Bereichen gelernt, nicht ganz so perfektionistisch zu sein. Manchmal merke ich, wenn es einfach zu viel wird, und ziehe einen Schluss-Strich. Und deswegen ist dieser Text auch gleich zu Ende. Jetzt bräuchte ich nur noch eine gute Pointe...

Ach, wisst Ihr was? Scheiß drauf!

 

Bis zum nächsten Mal,

 

Euer Steffen

 

PS: Falls Ihr mal sehen wollt, was bei meinem Perfektionismus dann so rauskommt:  Daran saß ich nächtelang, und ich bin echt stolz drauf.

 

 

 

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