Kampf der Arroganz
Wenn ich lerne, bin ich arrogant – vor allem mir selbst gegenüber. Fast immer, wenn ich einen wissenschaftlichen Text lese, sagt ein Teil von mir: "Das ist einfach, das kannst du, das hast du verstanden!" Ein anderer Teil wirft dann so etwas ein wie: "Kannst du das auch nochmal erklären?" oder "Wie war das nochmal mit der Dependenzgrammatik?" Daraufhin wird der arrogante Teil meist ruhig, guckt dem Skeptiker tief in die Augen und sagt in einem korrekten und gemäßigten Ton: "Halt's Maul, Dummsack!"
Den arroganten Teil habe ich übrigens Rote Jacke getauft. Der Grund? Neulich bin ich auf einer WG-Party einem der wohl arrogantesten und unsympathischsten Menschen seit der Geburt von Frankreichs "L'état? Seulement moi!"-Präsident Sarkozy begegnet. In geschätzten fünf Minuten Kommunikation hatte der Spaß-Vampir mit dem "Ich rede nicht mit jedem"-Blick mir beinahe die ganze gute Laune aus den Adern gesogen. Ich hätte ihm am liebsten einen Pflock in die demonstrativ hochgereckte Hühnerbrust gerammt. Seine knallig rote Jacke linderte da nicht gerade meine Aggressivität. Es ging jedoch ohne Gewalt. Bislang. Aber das ist ein anderes Thema. Deswegen zurück zu einem sympathischen und äußerst bescheidenen Mensch: zu mir.
Es geht noch immer ums Lernen und um die Vorherrschaft meiner arroganten Persönlichkeit Rote Jacke. Ihre Befehlsgewalt verhinderte oft, dass ich mein Wissen selbst in Frage stellte. Erst während der Klausur fiel mir auf, dass viele Informationen sich irgendwo eine Bleibe in unbekannten Gebieten meines Kopfes gesucht hatten, weitab jeglichen Zugriffes. Deswegen habe ich eine Methode ausprobiert, die Rote Jacke als "reine Zeitverschwendung" ansieht: in der Gruppe lernen.
Ja, wirklich. In der Schule habe ich Rote Jacke immer zugestimmt, was gemeinsames Lernen betraf. Ich dachte, es würde nur aufhalten, man könne nicht strukturiert den Stoff aufarbeiten. Auf meiner StudiVZ-Seite bin ich zwar auf der Suche nach Lern- und Übungsgruppen, aber das war bisher immer ironisch gemeint. Doch seit letzten Sonntag weiß ich es besser.
An jenem Tag saß ich mit einer Mit-Studentin und einem Mit-Studenten knapp vier Stunden in der Küche. Wir unterhielten uns über Kovarianz, Standardabweichung und Paasche-Index. Und da merkte Rote Jacke, dass der kleine Steffen vielleicht doch nicht alles so sehr beherrscht, wie sie ihm immer glauben machen will. Denn meine KommilitonInnen stellten dieselben Fragen wie der Skeptiker-Teil in mir, und da hätte mir ein schlichtes "Ach Klappe, ihr Dummspaten" nicht viel eingebracht – außer vielleicht ein blaues Auge.
Erklärungen mussten her, und die konnte ich nicht immer liefern. Je mehr Zeit verstrich, desto mehr erkannte ich, dass mein Klausurwissen vergleichbar war mit einem öfter gebrauchten 1000-Teile-Puzzle: Am Anfang denkt man noch "Boah, sind das viele Teile!". Bis man merkt, dass etwa die Hälfte der Stücke fehlt und frustriert alles in die Schachtel zurück räumt (ohne eine Notiz für den nächsten Tropf zu hinterlassen).
In Teamarbeit fanden wir die fehlenden Puzzle-Teile und fügten sie ins Gesamtbild ein. Rote Jacke hing schmollend in der Ecke und grummelte etwas wie "Kein Selbstvertrauen" und "Weichei" vor sich her. Mir war das egal: An einem Nachmittag habe ich zwei Studierenden geholfen, Statistik besser zu verstehen, gleichzeitig mein eigenes Wissen aufgebessert und dazu noch meine ganze Arroganz an den Nagel gehängt. Alter Schwede! Bin ich nicht einfach total geil?
Bis zum nächsten Mal,
Euer Steffen