Feedback
Schriftgröße Drucken Bookmark
Diesen Artikel bookmarken bei...
addthis.comdel.icio.usdigg.comFurlgoogle.comMister WongTechnoratiWistsYahooMyWebYiggIt
  Artikel versenden
20. Oktober 2009

Steffens UNIversum vom 20. Oktober 2009

Überfüllung


 

 

Den Satz "Du kommst hier nicht rein!" kannte man bislang in erster Linie von Türstehern an Eingängen von Diskotheken und Clubs. Unser Kolumnist Steffen hört ihn jedoch immer öfter auch an der Uni – von Dozenten, die verzweifelt versuchen, 200 der 300 Besucher ihrer Seminare loszuwerden.

Die Uni ist überfüllt. Hunderte von Erstsemestern laufen mit ihrem Stundenplan durch die Gegend und kämpfen um jeden Platz in einer Vorlesung, um ihre Credit Points einzustreichen. Gerade mein Nebenfach, die Germanistik, verzeichnet so viele Neulinge, dass die Seminarräume so voll sind wie die Dekane es wohl waren, als sie die ganzen Erstsemester zugelassen haben. "Sag mal, hier steht, dass wir 15 Prozent mehr Studienanfänger haben als letztes Mal. Wo sollen die denn alle hin?" – "Keine Ahnung – aber bei den ganzen Studiengebühren, die wir dadurch einstreichen, können wir uns das ganze nächste Jahr über mit französischem Edelwein besaufen. Prost!" – "Prost!" Diabolisches Gelächter.

 

Ja, so stellen sich einige Studenten wohl die Realität vor – doch ganz so einfach ist das nicht: Denn ja, es gibt zwar viele neue Studenten, doch auch viele Abgänger. In Dortmund etwa beträgt der reale Zuwachs von Studenten im Vergleich zum Vorjahr nur zwei Prozent. Allerdings waren die jetzigen Absolventen in den letzten Semestern nicht mehr so oft an der Universität oder gar in Vorlesungen. Sie schrieben ihre Bachelor-, Master- oder Diplomarbeiten und belegten deswegen höchstens die Plätze in der Bibliothek. Die Frischlinge jedoch sind auf der Jagd nach Credit Points, versuchen in möglichst viele Vorlesungen zu kommen – und essen anscheinend fast täglich in der Mensa.

 

Viele Universitäten haben einen wahren Ansturm von Erstsemestern zu spüren bekommen, und darunter leiden gerade die Erstsemester selbst – in Dortmund sind das vor allem die Germanisten: Für das Seminar "Deutsche Orthographie" hatten sich fast dreihundert Studenten angemeldet – bei einer maximalen Teilnehmerzahl von 80 Leuten. Am Montagmorgen um 8 Uhr – kaum ein Student wäre vor einigen Jahren um diese Zeit schon an der Uni gewesen – standen deswegen in einem Raum für etwa 80 Personen Hundertschaften von wissbegierigen Studenten. Doch es wurde eine Einigung gefunden, die seit jeher alle Streitigkeiten auf sehr faire Weise löst: Es wurde gelost: "Du darfst rein. Du nicht." So einfach ist das. Ich durfte rein. Zwei Journalistik-Studentinnen, ebenfalls mit Nebenfach Germanistik, nicht. Deren Kommentar: "War ja klar."

 

Eine Mentorin, die Erstsemestern in ihren ersten Wochen an der Uni hilft, hat mir berichtet, dass einige mit Tränen in den Augen zu ihr kamen, da sie kaum eine Vorlesung belegen konnten. In einem anderen Seminar sagte der Dozent zu Anfang: "Wer sich nicht angemeldet hat, trägt sich einfach hier in diese Liste ein – alle sind für diesen Kurs zugelassen, keiner fliegt raus." Danach gab es Beifall. Kein Witz: Die Germanistik-Studenten applaudierten dafür, dass sie "Konjuktoren des Deutschen" belegen konnten. Ein Seminar, das sich laut Plan drei Stunden einzig und allein dem Wörtchen "und" widmen wird. Ich finde das Thema toll. Aber ich habe schon viele getroffen, die schon bei Vorlesungen zur Grammatik (wie ich sie liebe!) aus dem Stöhnen nicht mehr rauskommen. Da glaube ich kaum, dass wirkliches Interesse der Grund dafür ist, dass viele ein Seminar belegt haben, das sich ausschließlich mit einer einzigen Wortart – der Konjuktion – beschäftigt. Viele Germanisten belegen erst einmal so ziemlich alles und hoffen, dass sie irgendwo genommen werden. Egal, ob sie der Inhalt interessiert oder nicht.

 

Viele schimpfen darauf. Man zahle doch Studiengebühren, warum kann man dann nicht in alle Kurse rein? Das Problem ist nur: Ohne die Studiengebühren sähe es noch viel grausiger aus, erklärte die zuständige Prodekanin im Dortmunder Campusradio. Und was rät sie den Germanisten, die sich für sechs Seminare angemeldet und nur eines bekommen haben? "Erst einmal Luft holen, die Aufregung herunterfahren." Und wer das nicht kann, soll zu den Dekanen gehen. Die wissen ja, wie das am besten geht. Prost.

 

Bis zum nächsten Mal,

 

Euer Steffen

 

 

 

Bewertung wird gespeichert...
Bewertung: 4.7 von 5. Stimmen: 7
Klicke dafür auf die Sterne
 
                           

Laden... Kommentare werden geladen...

 

Perfektionismus

Vom Kolumnisten bei EINSTIEG Online bis zum Chefredakteur der ZEIT ist es ein kurzer Weg – nur ist ihn noch niemand gegangen. Steffen tut alles dafür, der Erste zu sein. mehr...
 

 
 

Zeitmangel

Unser Kolumnist Steffen studiert Journalistik und hat vor lauter Studienstress keine Zeit, um Zeitungen zu lesen. Von diesem Paradox profitiert – ALDI. mehr...
 

 
 

Kritik

Zwei gute Freunde haben unseren Kolumnisten Steffen mal als "Motzbatterie" bezeichnet. Wie kommen die nur darauf?  mehr...
 

 
 

Lustlosigkeit

Geplagt vom jahreswechselbedingten Jetlag, bekommt unser Kolumnist Steffen die Nachwirkungen des Schlafrhythmuswechsels noch immer täglich zu spüren. Dabei stehen zu Jahresbeginn doch nicht nur jede Menge Klausuren, sondern auch Unmengen wichtiger Partys an. mehr...
 

 
 
 

Besuche die Webmesse!

Auf der EINSTIEG Webmesse präsentieren Hochschulen und Unternehmen rund um die Uhr ihre Ausbildungsangebote.

 
 

EINSTIEG Abi Sonderausgabe zur Berufsorientierung

Das EINSTIEG Abi Orientierungs-Special hilft bei der Studien- und Berufswahl. Zum Beispiel kannst du dich über Self-Assessments und Hochschulrankings informieren.

  • Hier geht's zum kostenlosen Download
 
 

Was Steffen kann, kannst du schon lange – nämlich studieren!