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24. Februar 2009

Kolumne vom 10. Februar 2009

Auswendig lernen


Steffen und Steffens Gehirn sind nicht gerade die besten Freunde. Während unser Kolumnist sich verzweifelt bemüht, möglichst viel Faktenwissen für anstehende Journalistik-Klausuren in seinen Kopf zu prügeln, bestehen seine kleinen grauen Zellen auf ihr Recht des selbstbestimmten Handelns und merken sich anstelle der Auflagen deutscher Tageszeitungen lieber Strophen aus Kinderliedern.

 

Fakten, Daten, Abkürzungen, Prozentpunkte, Geldsummen! Mein Kopf ist voll davon, quillt schon über. Doch es muss noch mehr rein. Viel mehr. Die BILD-Zeitung hat eine Auflage von 3,5 Millionen, Tendenz sinkend. Argh! Noch nicht. Das hier ist meine Kolumne, nicht die Klausur, bescheuertes Gehirn. Tut mir leid: Das ganze Wissen, das ich mir derzeit einprügele, verdrängt andere gedankliche Funktionen auf die hinteren Plätze. Hoffentlich wirkt sich das nicht auf meine Schreibfähigkeit aus. Nicht, dass ich noch, Satzzeichen an die falschen. Orte packe

 

  Kolumne  Steffen 

Deutsche verbringen durchschnittlich 220 Minuten am Tag vorm Fernseher.  Ich verbringe gerade die dreifache Zeit vor knapp 20 DIN-A4-Blättern mit lauter Faktenwissen, das ich die Tage zuvor zusammengetragen habe. Demnächst schreibe ich die letzte Klausur dieses Semesters, über Mediensysteme. "Mediensystem" beschreibt die Gesamtheit von Ordnungen und Strukturen, die Medien in einem definierten Raum – zumeist ein Staat – charakterisieren. Es wird eine Klausur, die nur eines voraussetzt: auswendig lernen! Zusammenhänge zu erkennen oder eine eigene Meinung zu Themen zu bilden sind Randerscheinungen, die nur unnötigen Platz im Kopf verschwenden. Die Mediensystem-Gehirnzellen führen einen erbitterten Krieg gegen alle anderen – und ihr Nachschub reißt nicht ab. Jahreszahlen-Kohorten und Umsatzzahlen-Legionen überrennen derzeit mein über Jahre gehegtes und geliebtes Simpsons-Wissen.

 

Nun komm' schon, Gehirn: Du magst mich nicht und ich mag dich nicht. Aber da müssen wir jetzt leider durch. Danach werde ich dich auch wieder kräftig mit Bier – die ARD wurde 1950 gegründet und wird mit etwa 5,4 Milliarden Euro Gebühren finanziert.  D'oh!

 

Ich hasse dieses stupide Lernen. Ich weiß sowieso genau, dass nach der Klausur nur etwa ein Zehntel des gesamten Stoffes hängen bleiben wird; und dafür quäle ich mich tagelang vor meinen Zetteln. Nicht nur das: Ich nehme den ganzen Kram sogar noch als Audio-Datei auf und ziehe die auf meinen MP3-Player. So konnte ich beim Putzen der WG die ganze Zeit mir selbst zuhören, wie ich ein und dieselben Daten wieder und wieder herunter ratterte. Das muss einfach wirken: Ich kann schließlich jetzt noch Aussagen von Benjamin Blümchen "Du hast Angst vor Mäusen?" "Ja und? Jeder darf doch mal 'nen Tick haben!" herunter beten, obwohl die Hörspielkassetten schon seit Jahren auf dem Dachboden verstauben.

 

 

Doch nun ist nicht die Zeit für Nostalgie-Gedanken. In wenigen Minuten kommen ein paar Kommilitonen vorbei: zum großen Mediensysteme-Quiz "Wer wird Faktenlionär?". Ja, man wird bekloppt, wenn man sich tagsüber mit nichts anderem beschäftigt als mit "Deutschland verfügt über eine pluralistische Herrschaftsstruktur mit partieller Repräsentation und konkurrierender Willensbildung"...Ich glaube, ich werde wahnsinnig. Der Kölner Stadtanzeiger und die Kölnische Rundschau haben eine Auflage von etwa 359.500. Hahahaha, ja, mehr Fakten, mehr! Es gibt insgesamt 459 Fernsehprogramme in Deutschland! Wuahahaha! RTL hat 8.000 Festangestellte! Nichts kann mich stoppen! Die KEK ist die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich! Hinfort eigene Telefonnummer, du wirst nicht mehr gebraucht. Es gibt acht digitale öffentlich-rechtliche Hörfunksender! Verrecke, Kreditkarten-Geheimzahl, mach' Platz für 3,5 Milliarden Euro Werbeeinahmen der SevenOneMedia! Weg mit allen unwichtigen Daten, sterbt ihr Geburtstage, 1949 wurde der DJV gegründet, und raus aus meinem Kopf, Klausurtermin! Halt Nein! Komm zurück! Verdammt.

 

Bis zum 1. Januar 1984..., äh, nächsten Mal,

 

 

Euer Steffen

 

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