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28. April 2009

Kolumne vom 21. April 2009

Zettelwirtschaft


Es gibt Sozialwirtschaft, Volkswirtschaft, Tourismuswirtschaft und noch so viele andere Wirtschaftsstudiengänge. Ich belegte neulich – mehr oder weniger unfreiwillig – ein Seminar in Zettelwirtschaft. Es begann in der Vorlesung zu Medienrecht: Dort lernen wir alles, was Journalisten dürfen und was nicht – anhand einiger Gerichtsurteile. „Ich habe die alle in einem Ordner zusammengestellt“, sagte unser Professor. „Sind etwa 500 Seiten.“ Das war weder ein Scherz noch eine Überraschung. Schon im vergangenen Semester durften wir uns durch Berge von Gesetzestexten wühlen. Doch die lagen immerhin alle digital vor, man konnte sie also auf dem Monitor lesen oder bequem ausdrucken. Die geballten 500 Seiten dieses Semesters befanden sich jedoch in nur einem großen Ordner. Unser Professor sprach noch eine Warnung aus: „Wenn Ihr die Zettel kopieren wollt, dann passt bitte auf. Ich habe sie alle in der Reihenfolge sortiert, in der sie in der Vorlesung dran kommen.“ Na, so blöd wird schon keiner sein.  

 

Im Kopierraum herrschte Chaos. Eine Kommilitonin hatte es wirklich fertig gebracht, sich als allererste den dicken Ordner zu schnappen und die ersten zweihundert Seiten vollkommen durcheinander zu bringen. Aber sie war nicht schuld. Es war der Kopierer. Das beteuerte sie zumindest die ganze Zeit. Der hat mal gedruckt, mal nicht, und ab und zu auch hat sich auch noch die Medienrecht-Gesetzestexte-Durcheinander-Schmeiß-Funktion angeschaltet. Sie konnte dafür nichts. Ihr zartes Donnern auf die Tasten des Kopiergeräts oder ihre durchdachte Zettelunordnung haben nichts dazu beigetragen. Ganz sicher. Ihr musste geholfen werden. Allein schon weil ansonsten alle weiteren Studenten, die den Ordner kopieren wollen, mit dem Zettel-Wirrwarr etwa so viel anfangen können, wie mein Opa mit einem iPhone. Allerdings lag ein klitzekleines Problem vor: Teilweise konnte man die Seitenzahlen nicht lesen. Bei über 50 durcheinander gebrachten Gesetzestexten, die alle dasselbe Layout haben und sich thematisch nur um Medienrecht drehen, war das nicht gerade leicht. Um ehrlich zu sein: Es war einfach nur verdammt nervig.  

 

Drei Stunden lang sortierte ich mit zwei, später mit drei Kommilitonen die Texte. „Ich hab‘ hier Telefonanbieter-Streit“, „Ich brauche ein Wort, das auf –ung endet“, „Hatte ich das nicht schon mal sortiert?“. Am Ende schloss die Bibliothek und wir hatten immer noch nicht alles geschafft. Alle Texte, die wir nicht zuordnen konnten, legten wir ans Ende des Ordners und hinterließen eine Nachricht für alle Studenten nach uns. Auf dem Weg nach Hause fragte ich mich immer wieder: Warum bin ich nur so blöde hilfsbereit? Warum kann ich nicht einfach nach Hause gehen, wie es andere getan haben? Warum kann ich nicht einfach sagen: Das ist nicht mein Problem? Eigentlich ist die Antwort einfach: Weil es asozial wäre. Jeder kann die Verantwortung von sich abzuwälzen, anderen die Probleme überlassen. Nur weil etwas nicht seine eigene Schuld ist, kann man doch nicht sagen: „Nö, da rühr‘ ich keinen Finger.“ Was passiert, wenn alle so denken? Man sollte sich ab und zu bewusst werden, dass man nicht alleine lebt, sondern in einer Gemeinschaft. Und wenn das wieder ins Bewusstsein zurückkehrt, kann auch die größte Zettelwirtschaftskrise überstanden werden.  

 

Bis zum nächsten Mal

 

Euer Steffen

 

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