Brandbekämpfung am heißen Draht
Gegen Prüfungsangst, Liebeskummer oder Einsamkeit in der neuen Uni-Stadt hilft manchmal schon jemand, der einfach zuhört und die richtigen Worte findet. Bei der Telefonhotline Nightline haben Studierende ein offenes Ohr – für andere Studenten.von Julia Kunze

Nightline ist die telefonische Seelsorge von Studenten für Studenten. © EINSTIEG GmbH © jala / photocase.de
Ein Uhr nachts, die Uhr tickt und du kannst und kannst nicht einschlafen. Deine Gedanken rasen: War es die richtige Entscheidung, allein in eine fremde Stadt zu ziehen? Wirst du neue Freunde finden? Wird deine Beziehung der Entfernung standhalten? Klar, du könntest jetzt deine Freunde oder Eltern anrufen oder deine Mitbewohner ansprechen. Aber ist es nicht schon ein bisschen zu spät dafür, so unter der Woche? Außerdem soll keiner wissen, dass du schon nach zwei Wochen abknickst. Du könntest auch zur psychosozialen Beratungsstelle deiner Uni gehen. Aber die sind ja auch nicht mehr wach. Außerdem bist du ja nicht verrückt – nur ein bisschen einsam.
"Auch Zuhören muss man lernen"
Für solche Momente gibt es in den Universitätsstädten Köln, Münster, Heidelberg, Freiburg, Dresden und Hamburg Nacht für Nacht das Zuhör- und Informationstelefon Nightline – von Studierenden für Studierende. Sandra ist Studentin in Köln und wird für fremde Anrufer einen Telefonanruf lang zur Freundin. Denn das Prinzip von Nightline ist, dass am anderen Ende der Leitung ebenfalls ein Student sitzt, mit ähnlichen Erfahrungen wie der Anrufer. "Prüfungsangst oder Stress im Studium sind immer ein Thema", erklärt Sandra, "aber viele rufen auch an, weil sie Beziehungsschwierigkeiten haben, Liebeskummer, aber auch Probleme, sich vielleicht vom Elternhaus abzulösen oder sich zurechtzufinden."
Sandra und die anderen ehrenamtlichen Zuhörer werden in Wochenendseminaren geschult. Dabei geht es darum, dem Anrufer zu helfen, sich über seine Gefühle klar zu werden – nicht um voreilige Interpretationen, erklärt Sandra: "Am Anfang ist man immer schnell versucht, Tipps zu geben. Auch Zuhören muss man lernen, das ist gar nicht so einfach. Die andere Person kennt ihre Lage ja viel besser. Wir versuchen, die Situation für die Person zu spiegeln, sodass sie sich im Idealfall klarer darüber wird."
Ob das dann klappt, erfahren die Nightline-Mitarbeiter leider selten. Denn Anonymität ist die oberste Maxime. So haben die Telefone keine Nummeranzeige, es wird nicht nach dem Namen gefragt und, was besonders wichtig ist: Nach dem Gespräch dürfen die Mitarbeiter keine Details rausgeben. Nicht an Journalisten und auch nicht an ihre Freunde. Doch was passiert, wenn ein Telefonat Sandra und ihre Mitarbeiter nicht mehr los lässt und sie selbst nicht mehr schlafen können?
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