Angst vor dem "Doktor light"
Auch nach der Einführung von Bachelor und Master an deutschen Hochschulen endet das Medizin-Studium weiter mit dem Staatsexamen. Warum eigentlich?Daniel Schwitzer
Der Bachelor wurde ja unter anderem eingeführt, damit junge Menschen schneller ins Arbeitsleben durchstarten können. Schon nach drei Jahren haben sie einen ersten Abschluss in der Tasche, der sie für viele berufliche Tätigkeiten qualifiziert. In der Medizin funktioniert das jedoch nicht, warnen Berufsverbände wie die Bundesärztekammer. Bislang muss, wer als Arzt arbeiten will, mindestens sechs Jahre studieren. Eine Schnellausbildung zum Bachelor-Mediziner – von Kritikern auch als „Doktor light“ abgetan – würde sich über kurz oder lang negativ auf die Qualität der Patientenversorgung auswirken, sagt BÄK-Präsident Hoppe.
Ist die Sorge vor dem "Doktor light" berechtigt?
Komplett aus der Luft gegriffen ist sie jedenfalls nicht, wenngleich Reform-Befürworter beschwichtigen, die Arztzulassung würde natürlich strikt an den Master-Abschluss gekoppelt. Wohin die Reise gehen könnte, zeigt indes das Beispiel der Dualen Hochschule Karlsruhe. Dort gibt es seit dem vergangenen Wintersemester den Bachelor-Studiengang „Arztassistent“. Die Absolventen sollen an Krankenhäusern künftig die Lücke zwischen Arzt und Pflegepersonal füllen. Aufgaben könnten sein, einfache Behandlungen selbstständig durchzuführen und bei Operationen dem Chirurgen zu assistieren. Zum Studium zugelassen wird in Karlsruhe jedoch nur, wer vorher schon eine Pflegeausbildung absolviert hat.
Welche alternativen Jobs gäbe es denn für Bachelor-Mediziner?
Gegenfrage: Würden denn überhaupt so viele Medizinstudenten die Uni mit dem Bachelor verlassen? Immerhin ist die Abbrecherquote in kaum einem Studiengang so gering wie in Medizin. Dass sich das durch die Einführung von Bachelor und Master nicht ändern muss, zeigt der Blick in die Schweiz, die ihre Arztausbildung bereits umgestellt hat. "Pro Jahrgang hören maximal zwei Leute nach dem Bachelor auf", fasst Stephan Marsch, Studiendekan der Universitätsmedizin in Basel, die bisherigen Erfahrungen zusammen. "Wer einmal die hohen Zulassungshürden genommen hat, der macht in der Regel auch bis zum Master-Abschluss weiter."
Arztferne Tätigkeiten für Bachelor-Mediziner fänden sich im ausufernden Gesundheitssystem wohl trotzdem zur Genüge, etwa bei Krankenversicherungen oder in der Pharmaindustrie. Natürlich könnten sie den Master auch in einem anderen Fach draufsatteln, zum Beispiel in Physiotherapie oder Gesundheitsökonomie. Mehr Flexibilität und Durchlässigkeit wären durch die neuen Abschlüsse in jedem Fall gegeben.
Hätte eine Umstellung noch andere Vorteile?
Wenn schon reformieren, dann richtig! "Bachelor und Master sind ja nur ein Aspekt der Bologna-Reformen", sagt Carolin Fleischmann von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland. Die bvmd empfiehlt, im Rahmen eines Pilotprojekts gleich die gesamte Arztausbildung auf den Prüfstand zu stellen. "Viel wichtiger als die formalen Strukturen sind doch die Inhalte", findet auch Babette Simon, Präsidentin der Uni Oldenburg. Die niedersächsische Hochschule plant derzeit mit ihrem holländischen Partner, der Uni Groningen, eine grenzüberschreitende European Medical School, die als erste in Deutschland neben dem Staatsexamen auch die internationalen Abschlüsse Bachelor und Master vergeben wird. Eine Besonderheit sieht Simon jedoch in erster Linie in der starken Praxisnähe des Programms: "Die Studierenden kommen von Beginn an in Kontakt mit Patienten, das ist in den traditionellen Studiengängen nicht so. Außerdem verbringen sie ein Drittel ihrer Ausbildung im Ausland, lernen also gleichzeitig ein weiteres europäisches Gesundheitssystem kennen."
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