Unser Kolumnist ist entsetzt. Entsetzt über das Buch von Thilo Sarrazin und dessen in seinen Augen menschenverachtenden Thesen. Und doch will er sich Sarrazin zum Vorbild nehmen und ein Buch über das deutsche Bildungssystem schreiben.
Ich muss ein Buch schreiben, in dem ich endlich mal Klartext über das deutsche Bildungssystem rede; ich muss etwas sagen, das sich sonst ja niemand traut: Es ist nicht genug Geld für die Bildung da, weil einfach viel zu viele Leute studieren wollen – und darunter eben auch solche, die es gar nicht verdient haben. Es gibt allein an meiner Universität zu viele, die aus armen Verhältnissen kommen oder deren Eltern Türken sind. Wie jetzt nach Erscheinen des Bestsellers „Deutschland schafft sich ab“ von Prof. Dr. Dr. Sarrazin wissenschaftlich erwiesen wurde, sind gerade diese Bevölkerungsgruppen von Geburt an mit nur sehr niedriger Intelligenz ausgestattet. Und gerade diese Menschen verstopfen die Hörsäle und stehlen der Elite unseres Landes die Bildung.
Das muss ich dann nur noch alles irgendwie beweisen: Dazu biege ich mir wie mein Vorbild Sarrazin ein paar Statistiken zurecht und zitiere wissenschaftliche Erkenntnisse, die teilweise überholt sind, aber eben genau die Vorurteile und Thesen bedienen, die ich untermauern möchte – merkt sowieso keiner. Und dann kann ich endlich meine Hetzjagd... pardon: meine Aufklärungskampagne beginnen. Ich muss nur einiges beachten, damit das Volk nicht merkt, in wessen Fußstapfen ich mit meinen Theorien trete.
Zum einen darf ich auf keinen Fall von der deutschen oder der türkischen Rasse sprechen, auch wenn ich eigentlich genau das meine; denn dann kommen viel zu viel Leute auf die Idee, das Wort Rassismus in den Mund zu nehmen. Also benutze ich lieber das Wort Genetik, das hat sowas neumodisch-wissenschaftliches. Zwar herrscht in der Biologie ein breiter Konsens, dass die geographische Herkunft von Menschen kaum Einfluss auf genetische Eigenschaften hat, aber das brauche ich ja nicht zu erwähnen. Damit würde ich auch nur meine eigenen Thesen widerlegen. Und das kann ja niemand wollen.
Reiche sind intelligenter
Außerdem muss ich eine möglichst undefinierbare, nicht messbare aber von vielen Leuten als positiv bewertete Eigenschaft als Maßstab dafür anlegen, wer studieren darf und wer nicht. Dazu nehme ich wie oben erwähnt einfach die „Intelligenz“ – das ist so richtig schön schwammig, aber dennoch durch den seit Jahren umstrittenen IQ-Test auch greifbar. Niemand weiß eigentlich, was Intelligenz ist: Ist es schnelle Auffassungsgabe? Logisches Verständnis? Vielleicht auch Kreativität? Oder musikalisches Talent? Intelligenz lässt sich nicht festmachen, und deswegen eignet sie sich so wunderbar für meine These: Denn ich sage einfach, wer intelligent ist, ist erfolgreich. Deswegen sind besonders die Leute intelligent, die viel Geld haben, denn die sind ja erfolgreich. Das bedeutet, dass Reiche intelligent und Arme dumm sind. Ganz einfach.
Die Lösung: Studiengebühren
Und um möglichst viele Jugendliche aus armen Verhältnissen vom Studieren abzuhalten, empfiehlt sich so etwas wie eine Bezahlschranke. Die Mittel- und Oberschicht muss sie sich leisten können, die Unterschicht jedoch nicht; ich schlage etwa 500 Euro pro Semester vor. Um jedoch die Universitäten von Kindern mit türkischem Migrationshintergrund frei zu halten, muss an der Sozialstruktur geschraubt werden, da ein schlichtes Lernverbot sofort diskriminierend und rassistisch wirkt. So sollte man die Ghettoisierung unterstützen, so dass türkische Familien unter sich bleiben und nicht mit Deutschen in Kontakt kommen. Dadurch wird ihre Sprachentwicklung gehemmt, was zu schlechteren Leistungen in der Schule führt. Weiterhin sollten die meisten Gelder in den Ausbau von Schulen gesteckt werden, in denen keine türkischen Kinder sitzen, so dass Ghetto-Schulen auch finanziell benachteiligt werden. Damit ist sichergestellt, dass sie schon möglichst früh von Bildung ferngehalten werden und so kaum eine Chance auf ein Abiturzeugnis bekommen. Und ohne Abi darf nun einmal keiner studieren.
Moment. Das wird alles schon praktiziert? Und kaum einer hat etwas dagegen? Wunderbar. Dann brauche ich ja doch kein Buch zu schreiben.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Steffen