Unser Kolumnist Steffen studiert zwar Journalismus. Um Grundkenntnisse in Architektur kommt er zu Semesterbeginn jedoch nicht herum: Er muss seinen Stundenplan "bauen".
Ich baue gerade etwas. Etwas Wichtiges, das mir in Zukunft entweder sämtliche Zeit rauben oder mir unheimlich viele Freiheiten lassen wird. Ich baue meinen Stundenplan.
Damit ist eigentlich "nur" eine kleine Sache gemeint, die jeder Student vor Beginn des neuen Semesters tun muss: Ich wähle die Kurse aus, die ich belegen möchte – am besten so, dass keine Vorlesung mit einer anderen kolidiert. Das Faszinierende ist, dass es wirklich einfach "Stundenplan bauen" heißt. Normalerweise drücken Studenten alles irgendwie ein wenig "gehobener" aus: Da gibt es die Kommilitonen (Mit-Studenten), Alumni (ehemalige Studenten), man promoviert (macht seinen Doktor) und habilitiert (wird Professor), und wenn man sich dumm anstellt, wird man exmatrikuliert (rausgeschmissen).
Doch den Stundenplan "exstruiert" oder "konstruiert" man nicht. Er wird einfach "gebaut". Dabei verschluckt das Wort eigentlich die Komplexität des Vorgangs: Ein gut aufgestellter Stundenplan ist nicht nur einfach ein Bau, es ist eine architektonische Meisterleistung; man "entwirft" einen Stundenplan, streicht ein Fach hinaus, schreibt dafür ein anderes hinein, schiebt einen Kompaktkurs dazwischen, merkt, dass ein Pflicht-Seminar sich mit einem Wunsch-Seminar überlagert – und schmeißt den ganzen Kram in den Müll und fängt von vorne an.
Dank der Digitalisierung stellt man seinen Stundenplan mittlerweile online zusammen. Das würde alles vereinfachen, wenn alle Seminare, die in den gedruckten Verzeichnissen zu finden sind, auch auf der Internet-Plattform verfügbar wären. Das ist aber leider nicht der Fall. Einige Professoren lassen sich sehr viel Zeit damit, die entsprechenden Daten online zu stellen – so dass ich sowohl mit Bleistift und Papier als auch mit dem Computer arbeiten muss.
Aber das ist gar nicht das Hauptproblem. In diesem Semester wollte ich mir etwas weniger Stress machen als im letzten. Deswegen habe ich mir einige Regeln gesetzt: Der Dienstagabend muss frei bleiben – denn da ist Hochschulsport-Box-Training (ich bin seit drei Wochen wieder mit dabei und will es – mit Blick auf meinen Bauch – nicht einreißen lassen). Außerdem will ich dieses Mal keinen Kurs um 8 Uhr morgens belegen – denn nur ein ausgeschlafener Geist kann wirklich gute Leistungen erbringen (nein, mit Faulheit hat das nichts zu tun). Und der Freitag muss auch frei bleiben – denn da möchte ich arbeiten oder lernen (oder auch mal lange ausschlafen).
Also habe ich angefangen, erst einmal alle Pflichtkurse zu belegen, danach kamen die Seminare, die mich interessierten. Und schon war die ganze Woche vollgepackt. Nach und nach schmiss ich einen Kurs nach dem anderen wieder raus. Ich achtete darauf, möglichst wenig Leerlauf zu haben, denn nichts ist schlimmer, als sechs Stunden auf sein nächstes Seminar zu warten. Und montags bis donnerstags zumindest vier Stunden an der Uni zu sein, denn wenn man einzig ein zweistündiges Seminar hat, ist die Versuchung groß, einfach mal zu Hause zu blieben. Nach ewigem Herumprobieren war ich schließlich fertig und vollauf zufrieden. Doch da fiel mir ein: Ich wollte ja noch einen Französisch-Sprachkurs belegen – und der passte überhaupt nicht in meine Planung.
Ich schrie auf und verfluchte den verdammten Stundenplan. Doch dann beruhigte ich mich, denn mir kam die Erleuchtung, warum man einen Stundenplan "baut". Es hat mit deutschen Redewendungen zu tun: Man kann wunderbare Stundenplan-Luftschlösser bauen, die unmöglich zu bewohnen sind. Oder man baut seinen Stundenplan auf Sand, so dass er mit der Zeit immer mehr an Fundament verliert, weil man einen Kurs nach dem anderen schwänzt. Wenn man allerdings – wie ich – vergisst, einen Kurs einzuberechnen, dann hat man nur eins gebaut: Mist.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Steffen