Auch Nicht-Schießen will gelernt sein
Wer Polizist werden will, muss fit, gesund und helle sein und bereit dazu, Verantwortung zu übernehmen. Dann wartet ein krisensicherer, gut bezahlter Beruf, in dem man eine Menge mit Menschen zu tun hat – wenn auch häufiger bei Verkehrskontrollen als bei Verfolgungsjagden.Jens Tönnesmann
Der Wind bläst, es regnet in Strömen – aber Boris Jakob muss auf dem Posten sein. Der Polizist steht neben seinem Streifenwagen am Straßenrand, mit einer Winkerkelle in der Hand und einer leuchtenden Schutzweste über der grünen Polizeijacke. Als ein Auto im Regen näher kommt, hebt er energisch die Kelle. Der Fahrer wirkt irritiert, zögert, hält zu früh, dann erst versteht er die Handzeichen und fährt in die Parkbucht. Er steigt aus und wird blitzschnell von Polizisten eingekreist. Aber sie nehmen ihn nicht fest, sondern fangen an mit ihm zu diskutieren – darüber, was Boris Jakob hätte besser machen können: "Ich wusste nicht genau, was ich tun soll. Ich hätte mir etwas mehr Erkennbarkeit gewünscht", sagt der Fahrer. "Und Sie müssen so stehen, dass Sie jederzeit zur Seite springen können, falls das Auto nicht anhält."
Die Szene ist eine Übung, der Fahrer ein Polizeilehrer und Boris Jakob und die anderen Polizisten sind Kommissaranwärter, also angehende Polizisten – wie 500 andere in Nordrhein-Westfalen, die im vergangenen Jahr unter 8 000 Bewerbern ausgewählt wurden. Schon diese Zahlen zeigen, wie begehrt der Job ist. Und das hat gute Gründe: Als Polizeibeamter ist man unkündbar, verdient gut und hat einen abwechslungsreichen Job, der einem trotz aller Routine immer neue Erfahrungen und Kontakte zu anderen Menschen beschert. Das klingt verlockend – es bedeutet aber auch, dass man als Polizist nicht menschenscheu sein sollte, bereit dazu, im Team zu arbeiten und Verantwortung für andere zu übernehmen. Das sollte einem schon vor der Bewerbung klar sein. Um herauszufinden, ob der Job wirklich zu einem passt, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Am einfachsten ist es, im Internet einen Selbsttest zu machen, wie er auf den Seiten der Polizei NRW angeboten wird.
Darüber hinaus können die Polizeibehörden Berater empfehlen, die vor der Bewerbung wichtige Tipps geben. Und schließlich kann man die Polizeiarbeit durch ein Praktikum kennen lernen – wie Agata Bordewicz, die für ein paar Wochen bei der Polizei in Essen hospitierte. "Ich wusste nach dem Abi erst nicht, was ich machen soll. Im Praktikum war ich bei der Hundestaffel, im Verkehrskommissariat und bei der Bereitschaftspolizei. Danach war mir klar: Ich will zur Polizei."
Am Anfang steht die Verkehrskontrolle
Wie Boris ist auch Agata im Kurs "C3". Für sie ist es der dritte Tag im Institut für Aus- und Fortbildung in Selm, einem großen Komplex mit Turnhalle, Schwimmbad und Wohnheimen, in denen es von Polizisten nur so wimmelt. Agatas und Boris’ Uniformen sind noch niegelnagelneu und die grünen Schulterklappen noch leer. Den ersten Stern auf der Schulter bekommen sie erst nach dem Abschluss der dreijährigen Ausbildung – und wenn sie richtig gut sind, können sie irgendwann mal fünf Sterne auf der Schulter tragen. Sie können als Kriminalkommissare Morde aufklären, als Wasserschutzpolizisten Umweltsünder jagen, in Spezialeinheiten Geiseln befreien, Drogendealer festnehmen oder in Krisengebieten selbst Polizisten ausbilden.
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