Meer erfahren, mehr lernen
Beim Projekt "Klassenzimmer unter Segeln" reisen 30 Schüler für sechs Monate auf einem Segelschiff über den Atlantik – und sehen dabei Korallenriffe, Vulkane und fremde Kulturen.Steffen Meyer

Der Unterricht findet auf dem Segelschiff statt und hat meistens einen hohen Praxisbezug. Die Kehrseite: Er folgt nicht dem offiziellen Lehrplan. Das Schiff in der Nähe der Bermudas. Das schwimmende Klassenzimmer.
Jennifer ist vollkommen durchnässt, der Regen peitscht ihr um die Ohren, die Wellen schlagen gegen das Schiff. Seit drei Tagen hat es ununterbrochen geregnet, die blonde 16-Jährige hat keinen trockenen Pullover mehr, doch ihre Wache für heute ist noch lange nicht zu Ende. Ihre Klassenkameraden sitzen gerade im fernen Deutschland in einem gut beheizten Schulgebäude – und Jennifer würde niemals mit ihnen tauschen wollen.
Jennifer ist eine von 30 Schülerinnen und Schülern, die am Projekt Klassenzimmer unter Segeln (KUS) der Universität Erlangen-Nürnberg teilgenommen haben. Ein halbes Jahr – von Oktober 2009 bis April 2010 – verbrachten die Zehntklässler auf dem Segelschiff Thor Heyerdahl. Sie starteten in Kiel und bereisten Teneriffa, die Karibik, Panama, Kuba und die Azoren. "Das hört sich zwar nach Urlaub und Ferien an, doch eher das Gegenteil war der Fall", erzählt Jennifer. Denn die Schüler waren Teil der Besatzung, mit allem, was dazugehört: Sie hielten Wache bei Wind und Wetter, refften die Segel, putzten das Deck, kochten Essen, steuerten das Schiff – und hatten nebenbei auch noch Unterricht.
Der unterschied sich jedoch vom Unterricht, wie man ihn aus der normalen Schule kennt. Wenn die Schüler etwa ein 400 Kilo schweres Segel nach oben ziehen mussten, erfuhren sie am eigenen Leib, wie genial das Prinzip eines Flaschenzuges ist; um mit Seekarten navigieren zu können, mussten sie Kosinus- und Sinus-Funktion anwenden können; und der Erdkunde-Unterricht fand am Fuße eines Vulkans statt. "Ich habe wirklich viel gelernt und werde nichts davon so schnell wieder vergessen", sagt Jennifer. Dazu gehört auch ihr 16. Geburtstag – den hat sie nämlich auf Kuba verbracht.
Doch so viel Abenteuer hat seinen Preis: Pro Monat zahlt ein Teilnehmer 2.550 Euro – für ein halbes Jahr sind das also 15.300 Euro. Fünf Halbund Vollstipendien wurden für den vergangenen Törn an Bewerber vergeben, die das Geld nicht aus eigener Tasche aufbringen konnten. "Wir bemühen uns darum, in Zukunft mehr Stipendien anbieten zu können", versichert die Projektleiterin Ruth Merk.
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