Generation Angst
Aus Angst vor einer unsicheren Zukunft entscheiden sich viele Abiturienten für Jobs, die finanzielle Sicherheit zu versprechen scheinen. Dabei gibt es gute Gründe, sich bei der Berufswahl stärker von den eigenen Interessen leiten zu lassen.Stefan Holzbrecher
Vor lauter Zukunftsangst stellen sich immer mehr Abiturienten unter großen Leistungsdruck. © Konstantin Gastmann / Aboutpixel.de
Jana wird nächste Woche 18, aber heute gibt sie sich alle Mühe, älter auszusehen. Mit ihrem dunkelblauen Blazer, der teuren Ledertasche unterm Arm und dem dezenten Make-up wirkt sie nicht wie eine Schülerin, sondern wie eine junge Managerin auf dem Weg zum nächsten Termin. Aber irgendwie ist sie das auch: eine Managerin in eigener Sache. Gemeinsam mit einer Freundin besucht Jana heute die Studienberatung der Universität Mannheim: „Ich habe mich schon informiert, welche Unis im Fachbereich Wirtschaft einen guten Ruf haben, und zwei oder drei davon möchte ich mir vor Ort ansehen.“ Dafür, dass ihr Wunsch vom Studium an einer renommierten Hochschule in Erfüllung geht, arbeitet Jana hart, ihr Ziel ist ein Abi-Schnitt von 1,3. Im Sommer reist sie außerdem in die USA, um ihr Englisch zu verbessern.
Vor zehn Jahren wäre sie von den meisten ihrer Mitschüler wohl noch als Streberin bezeichnet worden. Heute gibt es jedoch tausende Janas, überall in Deutschland. Der Journalist Klaus Werle, Autor des Buchs "Die Perfektionierer", schreibt bereits von der "Generation Lebenslauf" und zeigt sich verwundert, dass Schüler "ihr Leben planen wie ein Feldherr seine Schlacht." Und auch Lara Fritzsche, die für ihr Buch "Das Leben ist kein Ponyhof" ein Jahr lang eine Abschlussklasse vom Abi bis zum Studienstart begleitet hat, betont, wie strategisch die meisten bei der Berufswahl vorgehen – und wie hart viele arbeiten, um sich die vermeintlich beste Ausgangsposition beim Eintritt in den Arbeitsmarkt zu sichern: "Lernen, lernen, lernen – das ist das Allheilmittel. Der Leistungsgedanke hat sich verselbstständigt."
Als Ursache für das neue Strebertum machen Experten eine große Angst vor der Zukunft aus. Vor allem die Befürchtung, Opfer einer negativen Wirtschaftsentwicklung werden zu können, belastet die Generation. "Deshalb trifft sie Maßnahmen gegen das mögliche Hereinbrechen von Armut und Arbeitslosigkeit in ihrem Leben", analysiert Fritzsche.
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