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26.07.2012  

Christian Strauß, Dipl.-Ingenieur für Stadt- und Regionalplanung

"Wie kann eine Stadt aussehen, in der wir zukünftig leben wollen?"

Christian Strauß arbeitet derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF). Er promoviert über das "Flächenmanagement in schrumpfenden Städten".

Christian Strauß promoviert über das "Flächenmanagement in schrumpfenden Städten".

Warum haben Sie sich für den Studiengang Stadt- und Regionalplanung entschieden?

Ich habe mich bereits als Kind und Jugendlicher für Architektur interessiert. Im Rahmen der Berufsberatung in der 12. Klasse habe ich dann von dem Studiengang Raum- und Umweltplanung erfahren. Dadurch wurde mir bewusst, dass es mir nicht ausreichen würde, lediglich einzelne Gebäude zu entwerfen und bauliche Lösungen zu entwickeln. Ich wollte die Zusammenhänge hinter den Gebäuden erkennen und die Wechselwirkungen ergründen. Da Berlin in den 1990er Jahren hinsichtlich der stadtentwicklungspolitischen Debatte sehr aufregend war, entschied ich mich hier Stadt- und Regionalplanung zu studieren.

Wissenschaftsjahr "Zukunftsprojekt Erde" auf Einstieg.com

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2012 jährt sich der "Erdgipfel von Rio" zum 20. Mal. Das Wissenschaftsjahr 2012 – Zukunftsprojekt Erde nimmt den Umweltgipfel in Rio de Janeiro zum Anlass, Einblick in die Vielfalt moderner Nachhaltigkeitsforschung zu geben. Unter dem Motto "Zukunftsprojekt Erde" werden 2012 zahlreiche Projekte und Veranstaltungen unter den drei Schwerpunkten stattfinden: "Anders leben", "Anders wirtschaften" und "Umwelt bewahren". Die Forschungsbörse des Wissenschaftsjahres bringt moderne Nachhaltigkeitsforschung auch ins Klassenzimmer: Von Experten erfahrt ihr aus erster Hand, wie die Wissenschaft daran arbeitet, die Zukunft unserer Erde zu bewahren. In Anlehnung an den aktuellen Unterrichtsstoff geben sie Einblick in die Methoden und Praxis ihrer Forschungsprojekte. Auf Einstieg.com bereiten wir das Thema Nachhaltigkeit mit Berichten über Studiengänge, Ausbildungsberufe sowie Interviews mit Forschern und Praktikern für euch auf.

Was ist das wichtigste, was man als Studierender für eben diesen Studiengang mitbringen muss?

Den Wunsch, die gebaute Umwelt gestalten zu wollen: Wie kann eine Stadt aussehen, in der wir zukünftig leben wollen? Dies ist zunächst eine gestalterische Frage im Sinne des Urban Designs. Von weitaus größerer Bedeutung jedoch ist das Interesse, die Zusammenhänge erkennen zu wollen, etwa: Wie hängen die bauliche Qualität einer Siedlung mit der Lebensqualität der Bewohner zusammen? Wie nutzen wir den Raum so, dass er unsere Bedürfnisse befriedigt, Konflikte zwischen Nachbarn, Ländern, Kontinenten löst und auch den Enkeln eine Lebensgrundlage bietet? Wie gehen wir mit unseren endlichen Ressourcen um? Was sind die Triebkräfte hinter der räumlichen Nutzung? Wer hat im Ort und der Region Macht, und wie können die unterschiedlichen Machtverhältnisse für die Planung und Umsetzung der zukunftsfähigen Raumnutzung eingesetzt werden?

Diese Fragen erfordern eine Neugier in den unterschiedlichsten Disziplinen: Es geht in der Stadt- und Regionalplanung vorrangig nicht um Architektur und Städtebau. Dies ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Der Beruf stellt eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit Fragen der Politikwissenschaft, Geografie, Rechtswissenschaft, Umweltwissenschaft, Soziologie, Ökonomie und eben auch der räumlichen Gestaltung im Sine des Urban Designs dar. Als Stadt- und Regionalplaner weiß man von allem ein bisschen, aber "nichts" in der Tiefe. Es gilt die Welt in ihrer Gesamtheit zu verstehen. Das ist Wohl und Wehe des Berufsbildes zugleich.

Was fasziniert Sie an Ihrer jetzigen Tätigkeit?

Das Verbindende zwischen Phänomenen wie etwa dem Klimawandel, der räumlichen Nutzung und den planerischen Möglichkeiten zur Veränderung zu erkennen und Schlussfolgerungen abzuleiten. Das treibt mich an. Und meine aktuelle Tätigkeit in der Begleitforschung zur BMBF-Fördermaßnahme "Nachhaltiges Landmanagement" ermöglicht mir dies auch.

Die Disziplin Stadt- und Regionalplanung bietet die Möglichkeit, den Beruf in unterschiedlicher Weise auszuüben: In der Verwaltung, in beratenden Stadtplanungsbüros oder in der Wissenschaft (einige Absolventen zieht es als Quereinsteiger auch in andere Berufszweige). Je nach Richtung ist das Berufsbild damit eher erkenntnis- oder handlungsleitend. Ich hab schon in allen drei Bereichen gearbeitet, mehrheitlich aber in der Wissenschaft.

Welches war bisher Ihr spannendstes Forschungsprojekt und warum?


Als besondere Tätigkeit möchte ich ein Forschungsprojekt zur Nutzung von Freiflächen in der brasilianischen Stadt Recife nennen. Dort ist mir bewusst geworden, wie sich die Bewertung des öffentlichen Raumes, also von Parkanlagen, Stadtplätzen, Flussufern, zwischen Deutschland und Brasilien unterscheidet: Während man sich hier über die grüne Lunge in einer Stadt freut und sonntags Altstadtfaste feiert, haben die Menschen in den wachsenden Megastädten Brasiliens zum Teil Angst vor Kriminalität und betreten diese Flächen nicht – insbesondere nachts und am Wochenende. Bei dem Projekt ist mir bewusst geworden, wie unterschiedlich Wertemuster sein können: Unsere Wertevorstellungen sind für das Leben in Deutschland tragfähig, sie gelten aber nicht für alle Regionen der Erde.

Welche Projekte sind für Sie Referenzprojekte im Bereich einer nachhaltigen Stadt- und Raumplanung?

Nachhaltige Projekt sind alle die, die auf Ressourceneffizienz setzen und zugleich gegenüber den heutigen Teilgesellschaften der Welt und den zukünftigen Generationen gerecht sind. Vor dem Hintergrund der großen Veränderungen wie dem demografischen Wandel, der Finanzkrise, der Energiewende und dem Klimawandel müssen diese Projekte viele neue Anforderungen erfüllen. In hoher Dynamik ändern sich diese Ansprüche, während die Stadt doch zu 90 Prozent bereits vorhanden ist.

Wir müssen also die Städte umbauen, obwohl wir immer weniger wissen, wie sich die Anforderungen zukünftig ändern werden. Daher sind flexible Konzepte der Anpassung eine sinnvolle Idee. Als markantes Beispiel möchte ich hier das Konzept der schwimmenden Häuser in den Niederlanden anführen, die flexibel auf Hochwasser reagieren können.

Am Samstag, 20. Oktober, ist Christian Strauß zu Gast auf der Einstieg Berlin: Von 13 bis 13.20 Uhr gibt er ein Interview auf der Einstieg Magazin-Bühne und beantwortet hier gerne auch deine Fragen!

Schlagworte:
 
WissenschaftsjahrNachhaltigkeitStadtplanungStädtebau

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