Anpacken in der Krise
Wo Menschen unter Kriegen oder Naturkatastrophen leiden, kommen sie zum Einsatz: Humanitäre Helfer versorgen die Bevölkerung mit Lebensmitteln, behandeln Verletzungen und Krankheiten und bauen Häuser wieder auf.Daniel Schwitzer
Wäre die Stirn des bärtigen alten Mannes nicht unter der Kefiya verborgen, dem schwarzweiß gemusterten Palästinensertuch, das er auf dem Kopf trägt, man könnte seine Sorgenfalten zählen. Seit Wochen überlegt er nun schon hin und her und kommt dabei doch immer wieder zu dem einen Schluss. "Es geht nicht anders", seufzt er schließlich und wendet sich energisch seiner Frau zu, die neben ihm sitzt. Die Schulden wüchsen ihm über den Kopf, und er könne die große Familie einfach nicht mehr ernähren. Deshalb müsse die gemeinsame Tochter Seham nun endlich aus dem Haus, sie sei immerhin schon 15 und damit erwachsen. Erst kürzlich habe er mit einem wohlhabenden Mann aus der Gegend gesprochen, der sich sehr für sie interessiere. Den solle sie jetzt heiraten.
Seham, die den Monolog von draußen mit angehört hat, stürzt ins Zimmer und sieht flehend Mutter Meriam an. Doch die weiß schon, was zu tun ist. "Willst du denn die Zukunft deiner Tochter zerstören?", fragt sie den Alten selbstbewusst und lässt sofort greifbare Argumente folgen. Ob er denn wisse, dass diese dann die Schule abbrechen müsste und später nie in einem Beruf werde arbeiten können. Dass Mädchen, die früh heirateten, häufig ihr komplettes soziales Umfeld verlören. Und dass man mit 15 weder seelisch noch körperlich dazu bereit sei, eine Familie zu gründen.
Nicht nur Nothilfe, auch Vorsorge
Ein Wort gibt das andere. Dann schweigt der verdutzte Vater lange. "Das habe ich alles nicht bedacht", bekennt er schließlich kleinlaut und verspricht seiner Tochter reuig, sich nicht mehr einzumischen. Seham ist überglücklich und fällt ihrer Mutter in die Arme. Die anderen Frauen klatschen begeistert.
Applaus? Andere Frauen? Wir befinden uns im Gemeindezentrum des Roten Halbmondes in Bethlehem, mitten im Westjordanland. Und der Wortwechsel zwischen Vater und Mutter, der gerade so glücklich geendet ist, war in Wirklichkeit nichts weiter als ein Rollenspiel. Training, durch das palästinensische Frauen aus der Region lernen sollen, besser mit bestimmten sozialen Herausforderungen umzugehen: Es dreht sich um Alltägliches wie Erziehungsfragen und Gesundheitsfürsorge, aber auch um Szenarien wie Kinderheirat oder häusliche Gewalt.
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