Keine Juristen zweiter Klasse
Im Studiengang Wirtschaftsrecht lernen die Studenten neben Grundkenntnissen in Jura auch das Einmaleins der BWL. Denn wer als Wirtschaftsjurist arbeiten möchte, muss andere Qualifikation mitbringen als ein Anwalt oder Richter.Annette Kamps
Wirtschaftsrecht zu studieren, wird immer beliebter: Nicht jeder Jura-Student möchte später Anwalt, Richter oder Notar werden. Viele haben stattdessen Jobs in Wirtschaftskanzleien oder Unternehmensberatungen als Ziel. Um als so genannter Wirtschaftsjurist zu arbeiten, muss man nicht unbedingt Volljurist sein – wichtiger als Staatsexamen und Referendariat sind in dieser Branche betriebswirtschaftliche Kenntnisse. Die kann man sich entweder nach dem Jurastudium als Zusatzqualifikation aneignen oder aber gleich Wirtschaftsrecht studieren – so wie Mathias Rosenhahn. Da er kein Abitur, sondern die Fachhochschulreife in der Tasche hatte, war der Weg zum klassischen Jurastudium, das nur an Universitäten angeboten wird, versperrt. Rosenhahn wollte unbedingt etwas Juristisches studieren und entschied sich für Wirtschaftsrecht an der FH. Seine Entscheidung hat er bis heute nicht bereut: "Mir macht vor allem die Mischung aus rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Inhalten Spaß. Mit einem reinen Jura- oder BWL-Studium wäre ich auf Dauer nicht glücklich geworden", sagt der 24-Jährige. Das Fächerverhältnis ist dabei fast ausgewogen, je nach Schwerpunktsetzung überwiegt beim Wirtschaftsrecht mal der Jura- und mal der BWL-Anteil. Achtung: Um Mathe und Statistik kommt man in keinem Fall herum.
Wirtschaftsrecht hat hohen Praxisbezug
Rosenhahn empfiehlt, sich genau über die angebotenen Spezialisierungen zu informieren, bevor man sich an einer bestimmten Hochschule bewirbt. Die Auswahl ist von Uni zu Uni verschieden, an der Hochschule Anhalt, an der Rosenhahn gerade seinen Bachelor-Abschluss macht, werden beispielsweise "Arbeits- und Sozialrecht", "Banken- und Versicherungsrecht" und "Internationales Wirtschaftsrecht" angeboten. Anderswo kann man sich auf Steuer- oder Medienrecht spezialisieren. Bevor es jedoch so weit ist, sind erst einmal die Grundlagen dran: In den ersten Semestern gibt es beispielsweise Vorlesungen in Bürgerlichem Recht und Verfassungsrecht, aber auch eine Einführung in die Betriebswirtschaftslehre und einen Kurs zum Thema Buchführung. Diese Mischung aus juristischem und betriebswirtschaftlichem Fachwissen macht Absolvten von Wirtschaftsrecht-Studiengängen für viele Arbeitgeber attraktiv: "Die Einsatzmöglichkeiten in Wirtschaft und Verwaltung sind vielfältig. Der Studiengang stellt eine sehr gute Vorbereitung für Steuerberater und Wirtschaftsprüfer dar. Insbesondere für Bachelor-Absolventen kann auch der Bereich Insolvenzverwaltung interessant sein", sagt Prof. Dr. jur. Annemarie Butz-Seidel, Leiterin des Studiengangs "Betriebswirtschaft und Recht" der Hochschule Aschaffenburg. Eine Konkurrenz zwischen Volljuristen und Bachelor-Absolventen des Wirtschaftsrechts sieht sie durch die unterschiedlichen Einsatzgebiete nicht, wohl aber den Vorteil des praxisbezogeneren und kürzeren Studiums: "Betriebswirtschaft und Recht ist eine echte Alternative zum Jurastudium. Die Studiendauer von sieben Semestern ermöglicht es außerdem, früh berufliche Erfahrungen zu sammeln."
Ist der Master für Wirtschaftsrechtler ein Muss?
Jeder sollte also selbst entscheiden, ob er seine berufliche Zukunft eher in Anwaltskanzlei und Gerichtssaal oder aber in der Rechtsabteilung eines Unternehmens sieht. Mathias Rosenhahn hat bereits konkrete Vorstellungen von seinem Traumjob: "Im Idealfall finde ich einen Job in einer größeren Unternehmensberatung oder einer Wirtschaftskanzlei. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, noch eine Weiterbildung zum Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer zu machen." Doch bis es so weit ist, will der künftige Wirtschaftsjurist erst noch seinen Master machen. Seine Wahl ist auf "Wirtschafts- und Steuerrecht" an der Uni Potsdam gefallen.
Doch ist der Master of Laws (LL.M.) für Wirtschaftsrechtler ein Muss, um auf dem Arbeitsmarkt überhaupt Chancen zu haben? Nein, darin sind sich Student und Studiengangleiterin einig. Wer in den Bereich Wirtschaftsprüfung, Insolvenz-, Arbeits- oder auch Markenrecht gehen möchte, hat mit dem Bachelor-Abschluss durchaus Chancen. Mathias Rosenhahn rät jedoch dazu, sich nicht nur auf sein Studium zu verlassen: "Mit zusätzlichen Praktika, einer abgeschlossenen Ausbildung oder einem Auslandsaufenthalt kann man seinen Marktwert erheblich steigern und sich von der Masse der Bewerber abheben."
Abschlüsse:
Bachelor of Laws (LL.B.), Master of Laws (LL.M). Überwiegt der betriebswirtschaftliche Teil des Studiengangs, wird mit einem Bachelor of Arts (B.A.) abgeschlossen.
Bachelor-Studiengänge:
Wirtschaftsrecht, Business Law, Betriebswirtschaft und Recht, International Business Law and Business Management, Rechtsmanagement, Wirtschaftsprüfung und Steuern, Wirtschafts- und Umweltrecht, Law and Economics
Verdienstmöglichkeiten:
Nach ein bis zwei Jahren verdienen Absolventen durchschnittlich 35.000 bis 40.000 Euro im Jahr.
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