"Die besten Reporter sind Freaks"
Als rasender Reporter reist Dennis Gastmann für das NDR-Auslandsmagazin "Weltbilder" um den Globus. Mit einem Augenzwinkern berichtet der Journalist über eine Misswahl im amerikanischen Hinterland oder ist zu Gast bei Google im Silicon Valley. Im vergangenen Jahr erschien sein erstes Buch "Mit 80.000 Fragen um die Welt".
Sie haben Journalistik studiert und ein Volontariat beim NDR absolviert. Muss man als Journalist zwangsläufig Journalistik studiert haben?
Ich würde sagen: So wie kein Politiker zwingend Politikwissenschaft studiert haben sollte, muss auch kein Reporter unbedingt Medienwissenschaften oder Journalistik studieren. Es schadet aber auch nicht. Im Gegenteil: Ich habe Reportage und New Journalism gelernt und profitiere davon bis heute. Außerdem kenne ich so tolle Wörter wie "Immermehrismus".
Was bedeutet das?
Immer mehr Journalisten nutzen immer häufiger die Worte "immer mehr", um die angebliche Relevanz von Minoritätserscheinungen zu suggerieren. Nach dem Motto: "Bizarrer Szene-Trend Happy Slapping: Immer mehr Jugendliche verprügeln hilflose Omis, lassen sich dabei filmen und verbreiten ihre brutalen Gewaltvideos im Internet."
Warum haben Sie sich für den satirischen Schwerpunkt entschieden?
Als NDR-Azubi habe ich es drei Tage bei der Tagesschau ausgehalten. In dieser Zeit schrieb ich drei Nachrichten, keine wurde in der Sendung verlesen. Dann bekam ich ein schlimmes Rückenleiden. Anders gesagt: Ich habe früh erkannt, dass nüchternes, wertfreies Berichten nichts für mich ist. Heute werfe ich die Objektivität zunächst über Bord und begebe mich als Reporter mitten ins Geschehen: Ich trainiere mit Toreros, ballere mit schießwütigen Texanern oder verbringe einen freizügigen Nachmittag im kalifornischen Nudistenclub. Erst danach schaffe ich journalistische Distanz, bewerte meine Erlebnisse und erzähle die Stories mit feiner Ironie. Am stärksten sind eben Geschichten, die vom Lachen ins Weinen führen. Und ja: Ich war schon als Kind ein nervender, scherzender Quälgeist.
Welche Eigenschaften sollte man mitbringen, um in der Medienwelt erfolgreich sein zu können?
Die besten Reporter sind Freaks. Sie schlafen im Büro, lassen ihre Wohnung verkommen, fahren nie in Urlaub und vernachlässigen ihre Freundin. Nur die Story zählt. Dieser Beruf kann einen auffressen und das sollte sich jeder klarmachen, der Journalist werden möchte.
Was war Ihr spektakulärstes Erlebnis als Reporter?
Als Volontär erlebte ich den Absturz zweier Tornado-Maschinen aus nächster Nähe. Das hat mich verändert. Seither reizen mich ernsthafte Themen, die ich unterhaltend aufbereiten kann: Für das NDR-Satiremagazin „extra3” folgte ich den schmutzigen Spuren von Peter Hartz bis ins Rotlichtmilieu oder legte mich mit Ronald Schill an. Heute interviewe ich kenianische Hexenheiler, texanische Henker und argentinische Holocaustleugner. Vor zwei Jahren habe ich den Ku-Klux-Klan in Arkansas besucht. Die genaue Anfahrtsbeschreibung finden Sie in meinem Buch.
Ein Medienmagazin bezeichnete Sie als „Peter Scholl-Latour der Generation
Twitter“. Inwiefern sehen Sie sich als Vertreter einer neuen Reportergeneration?
Zunächst einmal: Peter Scholl-Latour ist ein Wissender, ich bin nur ein Fragender. Ansonsten versuche ich, dem Geist der großen Korrespondenten zu folgen: Sei mutig und riskiere eine eigene Meinung. Das ist keine Frage der Generation.
Wie hat sich der Beruf des Reporters durch das Social Web verändert?
Twitter, Facebook & Co. beschleunigen die News, verwässern sie aber auch. Die Quellenlage ist oft völlig unüberschaubar, Fakes nehmen zu. Andererseits helfen Social Networks sehr, um auf Sendungen aufmerksam zu machen, die das Öffentlich- Rechtliche im späten Abendprogramm versteckt. Meine Serie "Mit 80.000 Fragen um die Welt" im Auslandsmagazin „Weltbilder" läuft übrigens dienstags um 23:30 Uhr. Sozusagen kurz vor der Datumsgrenze.
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