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17. September 2009  
Schauspielschulen

Improvisation ist nicht alles

Zugegeben, Daniel Brühl hat keine besucht und ist trotzdem bekannt geworden. Doch ohne eine fundierte Ausbildung an einer Schauspielschule schafft es kaum einer auf die Bühne oder vor die Kamera. Annette Kamps

© Annette Kamps

"Ich habe heute morgen ein Brötchen mit Schinken und Käse gefrühstückt!", brüllt Marius wütend. Das Gesicht des 20-Jährigen ist rot angelaufen, er wird lauter, wiederholt immer wieder: "Schinken und Käse. Ich habe heute morgen ein Brötchen mit Schinken und Käse gefrühstückt." Es ist warm und stickig, die Fenster sind verschlossen, zusätzlich abgedunkelt. Draußen soll keiner mitbekommen, was in diesem Raum – knapp 40 qm groß, länglich, nahezu unmöbliert – passiert.

 

Die Aufnahmeprüfung an der "Schule des Theaters im Theater der Keller" geht ihrem Ende entgegen. Marius ist einer von 39 Bewerbern, die an diesem Wochenende nach Köln gekommen sind, um ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen und Schauspieler zu werden. Nur ein Drittel von ihnen kann es heute schaffen.

 

Auf einmal bricht Panik aus. Der Raum wirkt viel zu klein für die neun Jugendlichen, sie laufen umher, wollen fliehen, wissen nicht wohin. Da plötzlich horcht Marius auf. Der Junge mit den kurzen blondgelockten Haaren presst sein Ohr an die Wand. Er glaubt, Stimmen zu hören und ruft so laut er kann: "Hallo, ist da jemand? Da muss doch jemand sein. Holt uns hier raus!" Zwei Minuten später ist der Spuk vorbei. "Danke, das war's fürs Erste. Ihr könnt jetzt Gruppe B runterschicken", sagt Dimitri Bilov, der als Dozent für Szenisches Arbeiten an der privaten Schauspielschule arbeitet, und beendet damit die letzte Improvisationsübung.

 

Einen Tag zuvor durften die Kandidaten noch nicht so frei improvisieren, sondern mussten sich streng an ihren auswendig gelernten Text halten. Drei Rollen musste jeder von ihnen vorsprechen: eine klassische, eine moderne und eine komische.

 

Einmal durch den Wald gejagt

 

Barfuß betritt Marius den Raum. Der 20-Jährige trägt eine kurze beige Hose, dazu ein weißes Hemd. Um die Hüften hat  er sich einen schwarzen Schal gebunden, darin steckt ein kleiner Plastikdegen. Marius spielt den Lorenzo aus Alfred de Mussets "Lorenzaccio" – er spricht energisch, zieht schließlich seinen Degen und ficht gegen einen imaginären Gegner. Damit sammelt er Pluspunkte bei der vierköpfigen Jury, denn er ist der erste, der nicht nur seinen Text spricht, sondern sich auch bewegt, mit seinem Körper arbeitet. So als hätte er gehört, was eine der Lehrerinnen gerade über seine Vorgänger gesagt hatte: "Eigentlich müssten wir die Kandidaten vorm Vorsprechen einmal durch den Wald jagen, damit sie mal ein bisschen Körpergefühl zeigen! Die meisten haben nur nach innen geguckt." Auch in seinen anderen beiden Rollen, für die er sich kurz umzieht und Requisiten wie Tisch und Stuhl benutzt, kann Marius überzeugen. Er ist nicht nur der erste, der sich bewegt, er ist auch der erste, der die Jury zum Lachen bringt. Er scheint einer der Kandidaten zu sein, von denen Schuldirektor Hanfried Schüttler sagt: "Es gibt Leute, die kommen rein und dann ist die einhellige Meinung bei allen Lehrern 'Ja, der isses!"

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