Sonnige Zukunft
Die Karrierechancen in der Solarbranche sind hervorragend, denn Nachwuchskräfte werden dringend gesucht. In der Photovoltaik und den anderen erneuerbaren Energien entstehen Jobs mit Perspektiven.Daniel Schwitzer
Madlen Apel reitet morgens zwar nicht auf einem Flugbesen in ihre Firma, sondern fährt ganz normal mit dem Auto. Trotzdem könnte man meinen, dass die junge Frau mit den langen braunen Haaren über magische Fähigkeiten verfügt, so wie Hermine Granger in den Harry-Potter-Romanen. Denn sobald sie am Arbeitsplatz ihren Zauberer-Umhang übergeworfen hat, wird Madlen Apel zur Herrscherin über die Zeit. Ihr grandioser Trick: Mit nur wenigen Handgriffen gelingt es ihr, Materialien innerhalb eines Tages um viele Jahre altern zu lassen. Und dafür braucht sie weder Zauberstab noch -trank.
Madlen arbeitet beim Photovoltaik-Unternehmen Q-Cells in Bitterfeld-Wolfen (Sachsen-Anhalt), einem der weltweit führenden Hersteller von Solarzellen und -modulen. Genauer gesagt, absolviert sie bei Q-Cells ein duales Studium und lernt während ihrer Praxisphasen alles über die Umwandlung von Sonnenlicht in elektrischen Strom. Derzeit ist die 21-Jährige für achtzehn Wochen im Testcenter eingesetzt, wo die Solarmodule auf ihre Leistungsfähigkeit hin überprüft werden. Ihr Zauberer-Umhang erweist sich bei genauerem Hinsehen als weißer Laborkittel, den sie über ihren normalen Klamotten trägt, außerdem rutschfeste Laborschuhe, eine Schutzbrille aus Kunststoff sowie besonders widerstandsfähige Gummihandschuhe, damit sie sich an den scharfkantigen Solarzellen nicht schneidet. Heute bedient Madlen eine der großen Klimakammern, in denen die Module einer Schnellalterung unterzogen werden. Dieser Test ist notwendig, da das Unternehmen seinen Kunden eine Garantie über 25 Jahre gibt. "Die Klimakammer simuliert in kurzer Zeit verschiedene Temperaturwechsel-Zyklen", erklärt sie. "Am Ende messe ich dann die Leistung, die die Zelle noch erzeugt, und vergleiche das Ergebnis mit der Ausgangsleistung. Wenn die Differenz einen vorgegebenen Wert nicht überschreitet, hat die Zelle den Test bestanden."
Die Solarindustrie ist eine der Boombranchen in unserem Land: Rund drei Prozent der Stromproduktion stammen mittlerweile aus der Photovoltaik, die zusammen mit Wind- und Wasserkraft, Erdwärme und Biomasse zu den erneuerbaren Energiequellen zählt. Ihr Anteil wird in den kommenden Jahren weiter stark wachsen, so viel steht nicht erst seit dem Beschluss des Atomausstiegs fest. "Wenn die Sonne mittags richtig vom Himmel knallt, erzeugen alle Solarmodule in Deutschland zusammen schon jetzt so viel Energie wie 17 Atomkraftwerke", rechnet der Elektro- und Umwelttechniker Henry Bergmann begeistert vor. "Und das haben wir innerhalb von wenigen Jahren erreicht."
Solarenergie erzeugt so viel Leistung wie 17 Atomkraftwerke
Bergmann lehrt als Professor an der Hochschule Anhalt in Köthen, wo auch Madlen Apel das theoretische Rüstzeug für ihre berufliche Zukunft erhält. Der duale Studiengang Solartechnik, den die Fachhochschule in Kooperation mit Q-Cells und anderen Praxispartnern vor drei Jahren auf die Beine gestellt hat, richtet sich an technikinteressierte junge Menschen, die neue Entwicklungen kreativ vorantreiben wollen. Einsatzmöglichkeiten ergeben sich später entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Photovoltaik: zum Beispiel in der Konstruktion, Fertigung und Qualitätsprüfung von Solarzellen, der Inbetriebnahme und Wartung neuer Solaranlagen sowie immer stärker auch im Marketing und Vertrieb. Darüber hinaus spielt die Forschung eine zentrale Rolle. Ziel ist es, bezahlbare Produkte mit immer höheren Wirkungsgraden zu entwickeln. "Die derzeitigen Standard-Siliziumzellen wandeln circa 15 bis 20 Prozent des Lichts in Strom um", erklärt Bergmann. "Es gibt aber auch schon Material-Kombinationen mit Wirkungsgraden von über 40 Prozent." In Köthen können die dual Studierenden selbst wählen, ob sie sich auf Technologie oder Anlagentechnik spezialisieren wollen.
Forschen, fertigen, optimieren
Madlen Apel ist nach ihrem Abitur im Internet auf den Bachelor in Solartechnik gestoßen. Was ein dualer Studiengang ist, wusste sie bis dahin nicht. "Ich dachte eigentlich, ich müsste mich zwischen Studium und Ausbildung entscheiden." Nachdem sie sich über die Branche und ihre Arbeitsmöglichkeiten informiert hatte, bewarb sie sich direkt bei Q-Cells – und wurde zum Assessment-Center eingeladen. Dort musste sie sowohl ihr Schulwissen in Physik, Mathematik und Englisch unter Beweis stellen als auch zeigen, dass sie im Team arbeiten kann. Wenige Tage später erhielt sie die Zusage des Unternehmens, die ihr gleichzeitig ihren Studienplatz an der Hochschule sicherte.
Einen großen Teil des Semesters verbringt Madlen auf dem Campus in Köthen, wo neben den Grundlagen in den Natur- und Ingenieurwissenschaften natürlich in erster Linie die Theorie der Silizium- und Solarzellenfertigung auf dem Stundenplan steht. Anwenden kann sie ihr neues Wissen in den jeweils fünfwöchigen Praxisphasen, die während der vorlesungsfreien Zeit bei Q-Cells stattfinden. Dort durchläuft Madlen die unterschiedlichsten Abteilungen, von der Forschung über die Fertigung bis hin zur Optimierung. Für die 25 Kilometer zwischen Köthen und Bitterfeld-Wolfen bilden sie und ihre Kommilitonen Fahrgemeinschaften.
Mittlerweile steht Madlen kurz vor dem Studienabschluss, im Herbst wird sie ihr Bachelor-Zeugnis in den Händen halten. Gerne würde sie darüber hinaus bei Q-Cells bleiben, das Unternehmen bietet Bachelor-Absolventen attraktive Einstiegsmöglichkeiten. Vielleicht schließt die 21-Jährige aber erst noch ein weiterführendes Master-Studium an.
Boom-Branche mit Öko-Faktor
"Ich bin mir ganz sicher, dass ich die richtige Studienwahl getroffen habe“, sagt Madlen. „Die Arbeit macht mir Spaß, die Branche boomt, und außerdem tue ich etwas für unsere Umwelt." Sogar ihre Eltern konnte sie schon von den Vorteilen der Stromgewinnung aus Sonnenlicht überzeugen. Sie planen gerade eine Solaranlage auf ihrem Haus. „Die Ausrichtung des Dachs ist schon mal perfekt“, erklärt die Tochter fachmännisch. "Jetzt müssen wir nur noch auf eine sonnige Zukunft hoffen."
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