Männer gesucht
Zu langweilig, zu schlecht bezahlt, zu weiblich: Nur wenige junge Männer entscheiden sich für soziale und erzieherische Berufe. Doch das Berufsfeld wandelt sich und bietet immer bessere Perspektiven.Stefan Holzbrecher
Immer donnerstags um drei wird der Hügel hinter dem Sportplatz zum höchsten Berg der Welt. Zumindest für Niklas, Lukas und die anderen Jungs aus der integrativen Caritas-Kindertagesstätte in Porz bei Köln. Einmal in der Woche steht dort die so genannte Jungs AG auf dem Plan. Dabei geht es um Ritter, Dinosaurier, Autos und Fußball – um Jungs-Kram eben. Bei gutem Wetter zieht die Gruppe in das benachbarte Wäldchen. Dort werden aus Pfützen Ozeane, aus Ästen Zauberschwerter und aus einem kleinen Erdhügel der Mount Everest.
Die Jungs AG gibt es erst seit ein paar Monaten, und ihre Gründung hat viel mit Chris Köhnen zu tun. Der 25-Jährige arbeitet als Heilerziehungspfleger in der Porzer Kita und ist dort, neben dem Chef, der einzige Mann unter 15 Frauen. In seiner Arbeit versucht er, die von
Frauen geprägte Atmosphäre um männliche Sichtweisen zu erweitern. "Kinder müssen sich
austoben können und ihre Grenzen austesten. Damit gehe ich vielleicht etwas gelassener um als viele weibliche Erzieher", erklärt Chris. "Ich finde es nicht schlimm, wenn die Kinder mit schmutziger Hose nach Hause kommen, weil sie im Wald gespielt und gerauft haben." Ab und zu führt das zu Konflikten im Team, aber unterm Strich freuen sich Chris Kolleginnen
darüber, endlich mal einen Mann im Team zu haben.
Denn das ist alles andere als selbstverständlich: Bildung und Erziehung sind in Deutschland fest in Frauenhand. In Kinderkrippen, Kindergärten und Grundschulen sucht man Männer meist vergeblich. Die Gründe dafür sind vielfältig:
Die Karrierechancen innerhalb der Jobs sind gering: Wer Chef einer Einrichtung wird, hat
das Ende der Karriereleiter erreicht. Um weiter aufzusteigen, ist eine Neu-Orientierung
nötig, beispielsweise der Wechsel zu Managementtätigkeiten bei den Trägern sozialer Einrichtungen.
In Kindertagesstätten gibt es überdurchschnittlich viele Teilzeitstellen. Damit arrangieren
sich Frauen leichter als Männer.
Die Bezahlung ist nicht mehr so niedrig wie noch vor einigen Jahren, aber immer noch
unterdurchschnittlich.
Erziehung gilt historisch bedingt als Frauentätigkeit. In Deutschland ist es Männern überhaupt erst seit den 1970er Jahren möglich, sich zum Erzieher ausbilden zu lassen.
Hinzu kommen so genannte weiche Faktoren – zum Beispiel das schlechte Image der Erzieherberufe: Kindergärtnerinnen gelten vielen als "Basteltanten", deren Hauptaufgabe es ist, aufzupassen, dass den Kleinen beim Spielen nichts passiert.
Doch das stimmt heute weniger denn je: "Dass das Berufsfeld seit Jahren professionalisiert und auch für Hochqualifizierte immer interessanter wird, ist bei vielen Jugendlichen noch nicht angekommen", sagt Michael Cremers, Co-Autor der im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellten Studie "Männliche Fachkräfte in Kindertagesstätten".
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