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17. April 2009  

Auslandsaufenthalt in den USA

Love it or leave it!

Bei einem Auslandsaufenthalt in den USA kann man die unterschiedlichsten Dinge erleben. Wie Christina Botros, die in Kalifornien studiert und in einer Hippie-Kommune lebt – im ziemlich chaotischen Doppelzimmer, mit Mitbewohnern, die sich Elfen nennen und zu Meditationen treffen. Oder wie Philipp Rathgeber, der zurzeit ein Praktikum bei der Investmentbank Goldman Sachs macht. Er wohnt in einem Appartement mit Jacuzzi in New York, nur ein paar U-Bahn-Minuten vom Weltfinanzzentrum in Manhattan entfernt. Am anderen Ende des Landes und in einer ganz anderen Welt. 

Zwei junge Deutsche, zwei Momentaufnahmen, die so verschieden sind, dass eins sofort klar wird: In den USA ist tatsächlich alles möglich. Und alle wollen hin: "Ganz stark ist jede Art von Arbeit gefragt", sagt Renate Vollmer vom Information Resource Center des Amerikanischen Generalkonsulats in Frankfurt, "außerdem Freiwilligendienste und Aufenthalte als Au-pair. Und natürlich Studienplätze." Aktuelle Zahlen belegen das: Einer Umfrage des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD) zufolge sind die USA nach Großbritannien und Frankreich das drittbeliebteste Land für studienbezogene Auslandsaufenthalte, also Praktika, Sprachkurse und Studiensemester. Letztere sind besonders beliebt: Nach Angaben der US-Botschaft waren im akademischen Jahr 2005/06 rund 8.800 Deutsche an amerikanischen Universitäten eingeschrieben – 200 mehr als noch im Jahr zuvor.

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Stipendien helfenbei der Finanzierung

Auch Christina Botros ist im Juni 2007 nach Kalifornien geflogen, um vor den Toren San Franciscos in Berkeley Psychologie und Philosophie zu studieren. Berkeley ist der älteste Campus der University of California und zugleich der begehrteste. Von gut 45.000 Bewerbern wurden im Herbst 2007 nur 10.200 zugelassen. Der Etat der Uni beträgt rund 47.000 Dollar pro Student – das sind fünf Mal mehr als an der Uni Köln zur Verfügung stehen. Dementsprechend teuer ist es, in Berkeley zu studieren: Rund 25.000 Dollar sollte man für ein Jahr für Studiengebühren und Nebenkosten einkalkulieren – an den meisten anderen amerikanischen Universitäten ist das übrigens ganz ähnlich.

Christina Botros hat allerdings Glück. Sie zahlt in Berkeley keine "studyfees". Der Grund: Botros hat sich bei einem Austauschprogramm ihrer Hochschule, der Universität Göttingen, beworben und bekam einen Platz. Das ist ein Weg, die hohen Kosten zu umgehen. Alternativ bieten Stiftungen,der DAAD und das Fulbright-Programm Stipendien, die die Finanzierung erleichtern. "Das Austauschprogramm meiner Uni hat es leichter gemacht", sagt Christina Botros. Trotzdem empfiehlt sie, nicht alles auf eine Karte zu setzen: Für den Fall, dass es mit Berkeley nicht geklappt hätte, hatte sie einen Erasmus-Studienplatz in Reserve. Den brauchte sie dann doch nicht, denn mit ihren Studienplänen in Berkeley konnte sie dasAuswahlgremium in Göttingen überzeugen: "Da muss man gut argumentieren und wissenschaftlich begründen, was man will."

All das zeigt: Damit der Aufenthalt in den USA Wirklichkeit wird, sollte man früh anfangen zu planen. Es gilt, rechtzeitig Sprachtests abzulegen, die Deadlines von DAADFulbright und den Unis selbst zu beachten und schließlich Formalitäten bei der Visavergabe einzuhalten. Expertin Vollmer vom Generalkonsulat rät deswegen, gut eineinhalb Jahre vorher mit der Planung anzufangen. Zunächst sollte man sich einen Überblick im Uni-Urwald verschaffen. Viele Amerikaner orientieren sich an Rankings, von denen jedes Jahr mehrere in den USA erscheinen. Mal werden die Hochschulen darin nach der Qualität der Lehre und den Studienbedingungen bewertet, mal schlicht danach, wie glücklich sich die Studenten fühlen oder wie viele Eichhörnchen auf dem Campus leben. Berkeley, wo Christina Botros studiert, ist bei den Rankings für gewöhnlich immer unter den besten zehn Unis in den USA – und selbst in der Eichhörnchen-Rangliste erreicht die Hochschule die volle Punktzahl.

Aus Vollmers Sicht sollten die Rankings allerdings nicht die Ortswahl bestimmen. Wichtiger sei es, zu überlegen, was einem selber wichtig ist. Wer in den USA studieren will, dem empfiehlt Expertin Vollmer, zunächst in einer Datenbank nach der Uni mit dem passenden Studienangebot zu suchen. Dann sollte man die Angebote vergleichen – etwa in puncto Kosten und Bewerberzahlen, Lage und Lehrangebot. Wer dagegen ein Praktikum in den USA plane, sollte wissen, dass ein Aufenthalt nur erlaubt ist, wenn das Praktikum einen Bezug zum Studium oder der Ausbildung in Deutschland hat. So wie bei Philipp Rathgeber, der erst an der FH Reutlingen und an der Northeastern University in Boston Betriebswirtschaft studiert hatte, bevor er im Sommer 2007 für mehrere Monate bei der Investmentbank Goldman Sachs anheuerte. Diese Regel garantiert auch, dass man sicher sein kann, im Praktikum nicht nur Kaffee kochen zu müssen, denn die Firmen müssen bei der Visavergabe genau angeben, welche Tätigkeiten im Praktikum auf der Tagesordnung stehen. Wer keine geeignete Stelle weiß, kann sich an eine der zahlreichen Mittlerorganisationen wenden, die gegen Gebühr bei der Suche nach einem geeigneten Praktikumsplatz helfen.

Es lebe der "School Spirit!

Erst wenn man Studien- oder Praktikumsplatz sicher hat, kann man sich um das Visum kümmern. "Das ist unglaublich aufwendig und umständlich", meint Christina Botros. Formulare müssen besorgt, Interviews durchgestanden und Fingerabdrücke abgeliefert werden. Doch der Stress lohnt sich, denn ein Aufenthalt in den USA kann leicht zu einer einzigartigen Zeit werden – sowohl wissenschaftlich betrachtet als auch was das Lebensgefühl angeht. Christina Botros etwa hat es gerade noch geschafft, über die Warteliste in den Kurs eines renommierten Psychologie-Professors zu kommen. Und auf dem Campus in Berkeley lebt sie in der „Lothlorien Hall“, einem verwinkelten Haus mit bewohnbaren Dächern, Baumhaus, Sauna und Kellergeistern, in dem man sich seinen Zimmernachbarn in sogenannten "room bids" aussuchen kann. In Hippie-Kommunen zu wohnen, ist zwar eher die Ausnahme – Doppelzimmer gehören aber an vielen Unis, insbesondere in den offiziellen Studentenwohnheimen, zum Alltag. Nicht selten sind auch Initiationsrituale und -events, die am Anfang der Semester auf dem Programm stehen. In der Lothlorien Hall etwa verkleiden sich die Bewohner als Elfen und Zeremonienmeister und ziehen mit Fackeln und Trommeln in die nahe gelegenen Berge. "Love it or leave it" laute da das Motto, meint Christina – auf Deutsch: "Liebe es oder lass es bleiben."

Gar nicht mehr weg aus den USA will Philipp Rathgeber, der vor seinem Praktikum ein Jahr in Boston studiert hat. Dieses Doppelpack war möglich, weil er einen besonders ausgefallenen Weg gewählt hat: In Deutschland studiert Rathgeber an der European School of Business der FH Reutlingen in einem Studiengang, der automatisch zwei Jahre in den USA vorsieht. Das erleichterte es ihm, sowohl Studien- als auch Praktikumsplatz zu finden. Allerdings musste er dafür ein hartes Auswahlverfahren mit Interviews meistern, in denen er Fragen zum Lebenslauf und zu seinen Studienplänen beantworten und auch sein Allgemeinwissen unter Beweis stellen musste.

Die Zeit in den USA habe es in sich, sowohl das Praktikum als auch sein Studium an der Uni in Boston. "In Deutschland ist es eher so, dass man für die Abschlussklausur paukt", sagt Philipp Rathgeber, "wer in den USA studiert, muss dagegen durchgängig knüppeln." Das Studium in Amerika sei verschulter, der Kontakt mit den Professoren enger. Amerikaner und Studierende aus aller Welt kennen zu lernen, falle dadurch auch relativ leicht, meint Rathgeber – schon allein deshalb, weil man viele Dinge in Gruppenarbeit erledige. An den meisten Unis gibt es außerdem Clubs, in denen sich Studierende treffen, gemeinsame Aktivitäten planen, Vorträge und Ausflüge organisieren. "Der School Spirit ist viel stärker als in Deutschland", sagt Rathgeber, "und die Verbundenheit mit der Uni größer."

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